Light kann man nicht kaufen!

Die (Ultra) Light-Philosophie

Was verbirgt sich eigentlich hinter solchen Schlagworten wie Ultralight (UL) Trekking, Ultraleichtwandern oder Light Bikepacking? Ist das einfach nur neue, leichtere und dadurch erheblich teurere Ausrüstung, die man anstelle der klassischen Ausrüstung einsetzt?

Nein, ist es nicht. Aber der Reihe nach:

Bedürfnisse erkennen und definieren

Hier geht es zunächst einmal um DICH. Warum willst Du da raus? Was suchst Du da? Was ist Dir dabei wichtig?

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Wenn Du Dir das alles überlegst, lege alle Kataloge und Prospekte beiseite. Vergiß Google & Co. Deine individuellen Wünsche kannst nur Du wissen, andere können höchstens helfen, das aus Dir „herauszupulen“.

Es liegt in der Natur der Sache, dass grundlegende Bedürfnisse wohl ähnlich aussehen, etwa:

  • Orientierung, Sicherheit und einfache Ernährung auf dem Trail
  • Wetterschutz, Regeneration, Körperpflege, Rückzugsraum sowie bessere Ernährung im Camp

Die schlichte und einfache Frage lautet:

Wie kann ich diese Bedürfnisse mit minimalem Aufwand an Gewicht und Geld erfüllen?

Für mich war schnell klar, dass ich Spaß auf dem Trail haben will und flexibel in der Wahl des Übernachtungsortes sein muss. Je nach Wetter und Tagesform kann ich so die Tour operativ anpassen und muss nicht etwa ein voraus gebuchtes Quartier um jeden Preis erreichen.

Eine optimierte Ausrüstung ist zwangsläufig individuell und zum Teil auch spezialisiert, auch wenn sich gewisse „Standards“ herausgebildet haben.

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Wer gewichtsmäßig ans Limit geht, muss zwangsläufig sein Können (Ausdauer, Komfortbedürfnis, „Kotzgrenze“, …) schon recht genau mit den Anforderungen der Tour in Übereinstimmung bringen (Wetter, Gelände, Infrastruktur, Risiken, …). Die Ausrüstung ist zusammen mit dem individuellen Können letztlich das Mittel, um diesen Anforderungen zu begegnen.

Die klassische, unspezifische Ausrüstung ist zwangsläufig schwerer, wenn sie für alle Eventualitäten gerüstet ist und pauschal, also unindividuell daherkommt. Sie muss für alles und jeden irgendwie „passen“, was dann in den tausenden Features resultiert, die alles schwerer und komplexer machen.

Leicht = Sicher?

Kritiker werfen den UL-Verfechtern immer wieder vor, leichtsinnig zu sein, da deren Ausrüstung aus zu dünnem Material bestehe und zu wenig Redundanzen oder Reserven beinhalte.

UL-Vertreter führen das Gewichtsargument als zentralen Sicherheitsfaktor ins Feld, da nur eine leichte Ausrüstung die Gesamtbelastung des Menschen veringere und dadurch etwa die Trittsicherheit erheblich verbessere.

Ich für mich kann nur sagen, dass ohne radikale Gewichtsreduzierung die Touren, die ich mache, gar nicht möglich wären. Hinzu kommt, dass moderne Gewebe und Materialien erstaunlich haltbar geworden sind. Letztlich muss ich gar nicht die allerleichtesten Materialien einsetzen, da sich vor allem durch Weglassen und Vereinfachen der größte „Gewinn“ an Leichtigkeit ergibt.

Kaufen und los?

Oh nein, da kann ich ein Lied von singen: Leute, die ihr Zelt noch nie zur Probe aufgebaut haben, ungepflegte, ja verwahrloste Fahrräder und eine Nacht vor der Tour Hau-Ruck-Reperaturaktionen, die alles nur noch Verschlimmern.

Vor allem für Leichtausrüstung gilt das Prinzip, erstmal alles im „Schonraum“ (Gartengrundstück, nahe der S-Bahn, …) auszuprobieren, eventuell mit der alten Ausrüstung parallel dazu. Dann kommen kleinere Touren, wo man in bekanntem Terrain unweit einer „Fluchtmöglichkeit“ den Einsatz weiter testet und schrittweise seine Fähigkeiten trainiert.
Erst dann geht es auf große Tour, wo der Grundsatz lautet:

Es kommt nichts, aber auch gar nichts ungeprüft und ungetestet mit!

So tastet man sich immer weiter vor, in dem Sinne, dass sich Können, Anforderungen und Ausrüstung immer besser auf ein befriedigendes Outdoor-Erlebnis zentrieren.

Beispiel: Hier teste ich während einer Winter-Tagestour das in der UL-Szene bekannte Cone-Design, wo der Topf im Windschutz hängt und sich die Hitze darunter konzentriert:

Letztlich habe ich das Design verworfen, da ich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln kein befriedigendes Kochergebnis erzielen konnte. Das System gibt es auch zu kaufen, wo es erfolgreich von Weitwanderern eigesetzt wird – die individuellen Erfahrungen sind da eben verschieden.
Ebenso habe ich das von vielen eingesetzte „Freezerbag-Cooking“ dahingehend modifiziert, dass ich statt einer Ziploc-Tüte ein festes Gefäß benutze, aber der Kochvorgang prinzipiell der selbe ist.
Auf mein aktuelles Kochersetup werde ich in späteren Artikeln eingehen.

Selbstvertrauen gewinnen!

Das ist das Ziel der ganzen Übung. Seine Bedürfnisse kennen lernen, ebenso seine Grenzen kennen und akzeptieren; eine wohldurchdachte Ausrüstung passend zu den eigenen Fähigkeiten und Wünschen, gute Vorausplanung und das Vertrauen, flexibel und kreativ auf Unwägbarkeiten reagieren zu können.

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McGuyver lässt grüßen: Spiritus vergessen – sündteuren Alkohol in der Apotheke gekauft – Smoothiepacks leergenuckelt, ausgespült und mit Schokoriegelfolientrichter befüllt. Geht!

Was nicht hilft, ist Technikgläubigkeit, Selbstüberschätzung und mangelnder Respekt vor der Natur.

Wie wird das nun umgesetzt?

Es haben sich da gewisse Standard und Methoden ergeben, wie oben bereits erwähnt.

  • Zuerst gilt: Weglassen. Was nicht dran ist, wiegt nichts und kann nicht kaputtgehen.
  • Multi-Use anstreben, so wird bei mir die Schlafsackhülle nachts ausgestopft zum Kissen und der Buff drumrum gibt Komfort.
  • Alles als System konzipieren, so ist die Primaloftjacke gleichzeitig ein Teil des Schlafsetups, wodurch der Schlafsack dünner sein kann.
  • Tourplanung spart Gewicht, durch Nachkäufe unterwegs und geschickter Ausnutzung der Infrastruktur.

Hier sind die Klassiker des Leichtwanderns:

  • Tarp statt Zelt. Das Tarp kann eine simple rechteckige Plane sein, oder schon eine ausgetüftelte Geometrie besitzen. Es gibt auch Mischformen zwischen Zelt und Tarp, die dann besser vor Mücken etc. schützen.
  • Deckenschlafsack statt „Mumie“. Mütze statt Kapuze, keine Reißverschlüsse, optimal an die Schlafpositon anpassbar. Erfordert aber reichlich Übung, bevor es so richtig gemütlich wird.
  • Leichte Schlafunterlage. Hier scheiden sich die Geister. Ich will einfach aufpusten – hinlegen – relaxen, also habe ich eine recht teure, gut isolierte Leicht-Luftmatratze. Andere kürzen ihre Schaummatte radikal auf Torsolänge, Füße kommen auf den Rucksack, Kopf auf überzählige Sachen.
  • Topftasse und Spiritusbrenner aus Getränkedosen. Durch Verzicht auf langes Köcheln und den Umstieg auf Aufgießgerichte, welche dann im isolierten Gefäß ziehen können, hast Du einen schweren Klumpen weniger.
  • Kleinerer Rucksack. Das alles passt in einen, sagen wir 35 l Rucksack, der natürlich auch wieder leichter ist. Neben den käuflich zu erwerbenden hat der selbstgenähte den Vorteil, dass er genau die Features hat, die Du brauchst.

Zu leicht?

Ja, das denke ich, kann es geben. Wenn essentielle Bedürfnisse „wegrelativiert“ werden, wenn UL zum Dogma wird und sich mehr dem Survival annähert. Wenn man quasi ganz ohne Reserven lostappt und der Grat, auf dem man sich bewegt, immer schmaler wird.

Dass jemand zeigt, dass es noch leichter geht, das Tarp noch kleiner sein kann und dergleichen, liegt in der Natur des Menschen. Geschenkt.
Ob das aber Lösungen auf Dauer für viele Menschen sind, bezweifle ich. Lassen wir es als das stehen, was es ist: Rekordversuche, Proof of Concept, einzelne herausragende Leistungen – was auch immer.

Die 5 kg Grenze sehe ich als Orientierung an, nicht als Muß. Ich sitze ja nicht heulend zu Hause, weil ich eben 5+ kg auf die Waage bringe …

Letztlich soll mich die UL-Philosophie und daraus folgende Technologie befreien und nicht in neue Abhängigkeiten bringen!

Um den Titel noch einmal aufzugreifen: Man kann natürlich durchaus einzelne Light-Ausrüstungsgegenstände kaufen, jedoch die „Systemkompetenz“ aus Können, Wissen und Tourplanung kann nur selber durch Tun und Probieren erworben werden.

Ahoj!
Euer Quittenbrot

 

 

 

 

 

 

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