Warum selber machen?

Warum macht jemand seine Ausrüstung selber, unter dem Motto: Make Your Own Gear (MYOG)? Bei den 35.000 Produkten eines großen Outdoorausrüsters sollte doch für jeden etwas dabei sein, notfalls stöbert man in kleinen, spezialisierten Onlineläden herum.

 

Containerschiff Hanjin Chicago.jpg

Hier drin ist Ihr persönliches Exemplar …

Containerschiff Hanjin Chicago“ by Oliver Ohm (Photovision at de.wikipedia) – Own work. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons.


Mal abgesehen davon, dass ich schon immer aus dem Wissen über das Können zum Realisieren, mithin vom Gedanklichen stets zum Praktischen gelange wollte, sind für mich vor allem zwei Aspekte bestimmend:

a) Individualität

b) Selbstwirksamkeit oder das Glück des Könnens

Es ist erstmal grundsätzlich mühsamer und zeitaufwändiger, etwas selber zu produzieren, gar noch mühselig zu entwerfen, Prototypen zu fertigen, auszuprobieren, sich die erforderlichen Kenntnisse anzueignen usw. usf. – verglichen damit, daß man etwas einfach kauft und sofort benutzen kann.

Warum setze ich mich also abends an die Nähmaschine und tüftel selber an meiner Ausrüstung?

tarp-brainstorming

Auf der Suche nach der optimalen Tarpkonstruktion

Dieses scheinbar anachronistische Verhalten will ich unter den beiden vorgenannten Aspekten einmal näher beleuchten.

Individualität

Darüber hatte ich ja bereits geschrieben: Nur Du bist überhaupt in der Lage, Dein ureigensten Bedürfnisse kennenzulernen. Habt ihr schon mal probiert, bei einem Kind herauszufinden, ob ein Schuh passt, oder vielmehr noch, komfortabel sitzt?
Praktisch unmöglich. Nur Du kannst wissen, wo bei Dir ganz speziell der sprichwörtliche Schuh „drückt“.

Nun leben wir in einer Zeit, in der vorgeblich alles irgendwie „individuell“ ist: ist das nun ein Zeichen davon, dass wir tatsächlich in einem individuellem Zeitalter leben, wo die Selbstbestimmung ihr ungeahntes „Allzeithoch“ erreicht hat? Das will nicht recht zur uns umgebenden anonymen Massenproduktion passen. Nur durch den sogenannten „Skaleneffekt“ kann der Markt mit billigen Massenprodukten geflutet werden. Um den Preis, dass etwa im „etwas anderen Restaurant“ das normierte Standard-Essen weltweit praktisch gleich schmeckt 😯

Natürlich hat diesen Widerspruch auch schon die Industrie erkannt und versucht Merkmale zu individualisieren, etwa die Farbe des Autos und dergleichen. Gewisse Grenzen lassen sich aber da nicht überschreiten, das Grundlayout bleibt bestehen.

Vielen Menschen ist das zu wenig, wenn individuelle Freiheit nur die Wahlfreiheit zwischen allenfalls marginal unterscheidbaren, „pseudoindividualiserten“ Massenprodukten meint. Auch wenn Selbermachen nicht zwangsläufig zu unterschiedlichen Ergebnissen führen muss, ist eine angepasste, bedarfsgerechte Lösung zumindest im Rahmen der Materialien, Fertigkeiten und Bearbeitungsmöglichkeiten prinzipiell gegeben.

Da wir nun so tiefschürfend dabei sind, passt an dieser Stelle der Querverweis auf den ethischen Imperativ einfach dazu.
Im magischen Dreieck Freiheit (i. S. von Handlungsmöglichkeiten) – Verantwortung – Individualität kann nur jemand Verantwortung für sein Tun übernehmen, der reale Handlungsmöglichkeiten besitzt. Auf längere Sicht und bei Betrachtung einer nicht geringen Menge von handelnden Personen muss sich das in Individualität niederschlagen, also empirisch feststellbar sein – sonst existieren die Handlungsmöglichkeiten real nicht.

Um wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, kann man ja grundsätzlich in Frage stellen, ob man mit einem Rucksack losziehen will. Okay, da gibt es wohl so etwas wie eine „Parallelevolution“; die Transportaufgabe engt das Spektrum der Lösungen zumindest stark ein. Aber: es gibt auch hier Bikepacker, welche nur mit einem kleinen oder gar keinem Rucksack losfahren.

Bei der Konstruktion des Rucksacks konnte ich dann aber stark individualisieren und diesen passgenau auf meine Touren in meinen „Revieren“ hin entwerfen. Im Endergebnis bin ich so zufrieden mit meinem Rucksack, dass ich mir mit der gleichen Grundkonstruktion, aber anderen Prämissen einen Alltagsrucksack genäht habe. So „streut“ der Light-Gedanke quasi in den Alltag hinein, auf der Basis des erworbenen Könnens.

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mein EDC-Backpack: selbst genähter Alltagsrucksack

An dem Punkt könnte ich noch endlos schwafeln über Handlungsautonomie, Gruppendruck, Entgrenzung und Beliebigkeit. Über das aus der Mühe des Tuns entstehende Verhältnis zum produzierten Gegenstand, über Entschleunigung und Selbstbegrenzung … 🙄

Eine Sache fehlt mir jedoch oft in der aktuellen Diskussion, welche für mich ein entscheidendes Motiv darstellt:

Selbstwirksamkeit

Bei diesem Stichwort geht es ausdrücklich nicht um die große, globale Gemengelage, sondern um individuelles Empfinden der eigenen „Wirksamkeit“. Selbstwirksamkeit ist für mich ein ganz praktischer Begriff, den ich für mich eben so definiert habe. Wikipedia & Co. werden da sicher andere Akzente setzen.

Mir sind die Gefahren bewußt, die durch die Reduzierung komplexer menschlicher Verhaltensweisen auf Modeschlagwörter wie „Resilienz“ oder „Umsetzungsstärke“ entstehen. Ganz schnell fühlst Du Dich einfach nur – sorry – Schei$e, weil du nicht genug … äääh … Empathieresilienzumsetzungsstärkeselbstwertgefühl hast. BÄM! Es liegt nur an Dir … und schon sind wir mitten drin im Hardcore-Neoliberalismus.

Für mich ist „Selbstwirksamkeit“ indessen eine Chance, keine Mängelanalyse. Die Begrenztheit des eigenen Tuns und Könnens, die eigene Fehlerhaftigkeit bleiben davon unberührt. Aber – gemäß dem ethischen Imperativ – geht es für mich darum, zunächst Handlungsoptionen auszuloten und danach selbstbestimmt anzuwenden.

Konkret: ich konnte mir in einer psychisch und materiell anspruchsvollen Lebensphase durch einen hohen Anteil eigenen Tuns den Weg zurück in die Natur, speziell mit Übernachtungstouren ebnen. Es hat mich unendlich mit Stolz erfüllt, als ich mit meiner Hände Arbeit auf dem Buckel (= mein erster Bikepacking-Rucksack) durch die Berge gerollt bin und mich wohl gerüstet sah, ohne einen Mangel an irgendetwas zu verspüren.

Nirgends mündet Vorfreude so zielgerichtet in das Glück des Tuns, wenn die selbstgemachte Ausrüstung Teil deines ganz persönlichen Abenteuers da draußen wird!
Auch im Alltag schwingt das alles nach: Ist etwa der Arbeitsmarkt von meinen Kompetenzen nicht wirklich überzeugt – ich bin es. So kann ich mich, wenn auch nicht materiell, aber wenigsten emotional etwas vom Wohl und Wehe eines unberechenbares Marktes emanzipieren.

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Die erste Light-Bikepacking-MTB-Tour mit selbstgenähtem Rucksack!

Es ist kein leichter Weg. Abends noch tüfteln, Probestücken nähen, Stoffe zuschneiden, kurz, sich noch einmal voll zu konzentrieren, kostet zuweilen einiges an „Aufraffungsenergie“. Viele Projekte bleiben auch mal Monate liegen, manchmal geht es eben nicht. Mein Spruch dazu lautet seit geraumer Zeit: Wenn aus Möglichkeiten Zwänge werden, ist man kein freier Mensch mehr.

Natürlich kaufe ich auch fertige Sachen, logisch. Wenn es einfach passt, es schlicht ein Zeitproblem ist, das rechte Material schwer oder gar nicht zu besorgen geht oder es ein unverhältnismäßig großer Gesamtaufwand wäre und ich es dann nur noch aus Sturheit machen würde.
Gerade durch das Selbermachen habe ich immerhin einen großen Respekt vor den Produzenten all der ganzen Produkte entwickelt – und kann ja immer noch selber Reparaturen oder Änderungen durchführen.

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Reparatur eines abgerissenen Kinnschutzes an einer gekauften Windjacke

Ausblick

Zurück in die Höhle, das Mammut selber jagen und anschließend Felle gerben? Das ist für mich kein Weg, ich bin Stadtbewohner und bekennender Tourist, kein Aussteiger. Vielmehr sehe ich die Zukunft in der Symbiose aus kostengünstig und hochwertigen, industriell produzierten Materialien und Normteilen, welche dann jeder nach eigenem Gusto für sich kombiniert und veredelt. Die allerorten entstehenden Makerspaces und Repair Cafes deuten jedenfalls in diese Richtung – und wer weiß? Vielleicht ist in Deiner Nähe schon der nächste Nähworkshop in Planung!

Lesefutter:

Christine Ax: Die Könnensgesellschaft. Mit guter Arbeit aus der Krise
Die Rezensionen klingen interessant, steht aber noch auf der Leseliste.

Wolfgang M. Heckl: Die Kultur der Reparatur.
Der Chef des Deutschen Museums misst an den Reparaturfähigkeiten gewissermaßen die „Lebensfähigkeit“ des Organismus Menscheit.

Chris Anderson: Makers. Das Internet der Dinge: die nächste industrielle Revolution
Es geht nicht um die Vernetzung des Toasters – sondern um das digital unterstütze Umsetzen Deiner Idee via Internet! Hier schreibt ein ausgewiesener Insider, was den zuweilen allzu positivistischen Tenor etwas ausgleicht.

Wilhelm Schmid: Glück: Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist.
Das Buch zum Thema Glück schlechthin. Ich muß fortan jedes tiefere Gespräch mit Leuten ablehnen, welche das Buch nicht gelesen haben o_O

Ahoj!
Euer Quittenbrot

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