MYOG: Das erste Projekt – ein Beutel

So ein Beutel mit Schnürzug ist eine praktische Sache: allerhand Sachen lassen sich ordentlich verstauen, es dient ungemein der Übersicht in den ansonsten recht fächerlosen UL-Rucksäcken und er schützt vor Schmutz und Nässe. Wie ihr seht, bin ich ein ziemlicher Beutelgermane 😉 Außerdem ist so ein Beutelchen schnell gemacht und ein ideales Einsteigerprojekt. Es passt auch prima zum nächsten empfehlenswerten Projekt – dem Tarp. Da kannst du ja schon mal ausreichend Material bestellen (lieber einen Meter mehr als gedacht) und mit Beuteln dich auf das Material trainieren.

Material und Werkzeuge

Für den hier gezeigten Beutel habe ich ein Reststück 2.-Wahl-Silnylon mit ca. 50 g/m² Flächengewicht von extremtextil benutzt. Bis auf etwas Verzug (erkennbar an den Ripstop-Kästchen) ist es von den Eigenschaften her genauso nutzbar wie die erste Wahl. Zusätzlich benötigst du eine Schnur mit ca. 3 mm Stärke und 60 cm Länge sowie einen passenden Kordelstopper.

Zum Zuschneiden empfehle ich ausdrücklich einen Rollcutter mit Wellenklinge: so kann man auf dem rutschigen Silnylon einigermaßen Maß halten und vermindert das Ausfransen der Stoffkanten. Nimm alternativ eine gescheite Stoffschere – hierbei wirst du ganz schnell den Unterschied zwischen „billlig“ und „preiswert“ feststellen!

Das Corespun Garn von Amann wird mit einer 80er Microtex Nadel vernäht, gemäß den Empfehlungen von extremtextil.

Zum Fixieren der Stofflagen habe ich extra dünne Stahlnadeln und große Büroklammern benutzt. In beschichteten Stoffen machen Nadeln leider echte Löcher rein – also möglichst nur innerhalb der Nahtzugaben feststecken!

Konstruktion: Schnitt- und Fertigmaß

Zuvor ein Wort zur Nahtzugabe: nimm am Anfang lieber mal eine Zentimeter mehr. Dranschneiden geht nicht! Hernach die Nahtzugabe beischneiden geht immer! Besser nähen lässt es sich überdies „im“ Stoff, da greift der Transporteur vollflächig.
Auch verkürzen sich viele Stoffe quasi beim Zusammensteppen, also nicht „zu sehr auf Kante nähen“, sonst nähst du zwei Mal. Das tut dann bei Stoffpreisen von gerne mal 10 Tacken auf den laufenden Meter schon ein bischen weh XD

Nahtzugaben (NZG): die französische Naht, die wir heute verwenden, ist eine elegante Möglichkeit für feine Stoffe, die Stoffkanten zu versäubern und so vorm Ausfransen zu schützen. Allerdings erkauft man sich das mit einer Nahtzugabe von etwa 2 cm (üblich sind sonst 1 cm), die beim Zuschneiden an allen entsprechenden Kanten hinzugerechnet werden müssen! Die Naht am Ende mit Zickzackstich versäubern  geht hier gar nicht, das kraucht und zieht sich alles übelst zusammen.

franznaht

Die Art der Verarbeitung ist für den Zuschnitt wichtig (hier: französische Naht)

Der Hohlsaum, durch den ja später die Kordel laufen soll, beträgt 3 cm und da wiederum nochmal 1 cm NZG oben auf = 4 cm hinzurechnen.
Das alles müssen wir VOR dem Zuschneiden beachten, also lieber zu Zettel und Stift greifen:

schnitt-fertigmass

Für eure Wunschgröße müßt ihr also in diesem Fall insgesamt 6 cm in der Höhe und 4 cm in der Breite zugeben; wenn ihr zwei Schnittteile benutzt, entsprechend 8 cm in der Gesamtbreite für den Stoffbedarf. Ich nutze nur ein Schnittteil, was dann entsprechend doppelt so breit ist (ohne NZG) wie die Fertigbreite! Mein Reststück war 46cm breit und 41 cm hoch, das Fertigmaß ergab dann 21 x 35 cm. Stoffbruch wird hier die „Faltkante“ des Beutels genannt, der Tunnelzug wird durch den Hohlsaum gebildet.

Zuschnitt

Jetzt wird es ernst! Mit einem weißen Markierstift oder dem speziellen Kreidemarkierer wird das Schnittmaß (= Fertigmaß zzgl. aller NZG und Hohlsaumzugaben) auf dem Stoff auf der linkes Seite angezeichnet und ausgeschnitten.

Oft liest man, „Schnittteil(e) im Bruch zuschneiden“. Dabei faltet man den Stoff für symmetrische Schnittteile doppelt und schneidet durch zwei Stofflagen, das spart Zeit. Bei Baumwollstoffen mag das funktionieren, bei rutschigem Silnylon rate ich davon ab.

Die linke, meist innere Stoffseite ist manchmal schlecht zu finden (das fällt dann erst draußen bei Tageslicht so richtig auf 😮 Hier ist die linke Seite etwas „fettiger“ als die rechte, man fühlt es beim Reiben zwischen den Fingern (innen = glatter) und am anhaftenden Staub.
Mit Schneidmatte und Rollcutter sowie Quiltlineal spart man sich schon mal das Anzeichnen, allenfalls kurze Markierungen können nötig sein.

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Gerade beim Wellenschnitt bleiben Fäden oft unzertrennt. Nicht ziehen XD Sondern nochmal drüber rollen, sonst geht der Stoff kaputt.

Okay, jetzt solltest du ein rechteckiges Stück Stoff haben – einfacher gehts ja für den Anfang kaum.

Stofflagen fixieren

Das Schnittteil liegt nun im Querformat vor uns, linke Stoffseite oben.

Wir markieren uns mit 3 Strichen folgende Linien: NZG, Stoffbruch des Hohlsaums (also die „Umfaltlinie“) und die spätere Lage der Stoffkante unten mit umgeklappter NZG (hier sind das 1 – 3 – 3 cm).

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Markierungen von Nahtzugabe und Hohlsaum

Am Hohlsaum benötigen wir einen geschickten „Einstieg“ für die Kordel. Deshalb klappen wir jeweils rechts und links die Ecken auf die unterste Linie um und fixieren ggf. mit einer Nadel.

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Es wird etwas fummelig: wir klappen zunächst die NZG mit 1 cm um und dann nochmal im Stoffbruch auf die untere Linie, um den Hohlsaum zu erhalten. Mit Nadeln sichern – hier wird ja eh durchs Nähen kräftig „gelocht“:

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Später habe ich einige Nadeln um 90° gedreht, dann kann man drüber nähen. So sieht der ganze fixierte Hohlsaum aus:

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komplett fixierter Hohlsaum

Zusammensteppen

Bevor wir den Beutel zusammensteppen, testen wir an einem Probestück die korrekte Fadenspannung.
Zwei Stofflagen werden mit einer kurzen Zickzacknaht verbunden (maximale Breite und Stichweite). Bei beschichteten Stoffen hat der Oberfaden meistens Schwierigkeiten, wieder ausreichend straff nach oben gezogen zu werden, also schauen wir uns gründlich (Lupe!) die Unterseite der Probe an.

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Sind Schlingen des Oberfadens zu sehen, muss die Oberfadenspannung erhöht werden! Wenn bei maximaler Oberfadenspannung der Oberfaden immer noch nach unten durchgezogen wird, hilft oft nur noch eine dickere Nadel. Voraussetzung ist immer das korrekte Einstellen der Unterfadenspannung, hier bitte im Handbuch zur Nähmaschine nachsehen.

In meinem Fall war die Oberfadenspannung noch ein klein wenig zu schwach, das habe ich dann leider erst mitten beim Nähen festgestellt 😯
Du siehst auch, dass Zickzack bei feinen Stoffen keine gute Idee ist – falls es mal unbedingt sein muss, Zeitung drunter legen!

Nun können wir endlich zur Tat schreiten und mit dem Feststeppen beginnen. Bei mittlerer Stichweite habe ich den Stoff unter den Fuß gelegt und einfach losgenäht. Am Anfang schöööön sachte – schneller wirst du von ganz alleine mit der Zeit!

Die Fadenenden müssen natürlich gegen Aufdröseln gesichert werden, was üblicherweise so geschieht, dass man etwas weiter im Stoff anfängt und zuerst einige Stiche rückwärts näht. Bei feinen Stoffen wird der Stoff jedoch oft tüchtig zusammengezogen; deshalb verknote ich später die Fadenenden.

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Gegen das Geknäul am Anfang hilft nur eins: die Fadenenden immer sauber nach hinten weglegen! Den Stoff bitte weder in die Maschine hineinstopfen, noch hinten herauszerren, sonder locker führen … mit vieeeeel Gefühl 😀
Bei feinen Stöffchen muss dieser leicht gestrafft werden, also musst du eine Hand vor und eine nach dem Nähfuß am Stoff haben. Aber auch hier gibt der Transporteur das Tempo vor!

Wir steppen bis zum Ende und ziehen wir dann bei obenstehender Nadel den Faden raus, zum Verknoten ausreichend dran lassen beim Abschneiden.

Gratulation! Die schwierigste Naht hast du geschafft!
Es sollte – gegen das Licht betrachtet – nun so aussehen:

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Manöverkritik – Nahtbild von oben (so wie wir es unter dem Nähfuß liegen hatten):

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Alles schick – aber wir drehen des Spaß herum und betrachten den Unterfaden:

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Jaaa … du wirst froh sein, wenn es einigermaßen gerade ist und hält; der erfahrene Näher erkennt leider am leicht „tänzelnden“ Nahtbild und gelegentlichen kleinen Schlaufen die zu geringe Oberfadenspannung. Nicht so schlimm – ich konnte noch etwas Oberfadenspannung zugeben.

Nach dem Verknoten der Fadenenden mit einem Kreuzknoten klappen wir nun das Stoffstück (gemäß obiger Skizze) im Stoffbruch so um, dass der Hohlsaum in der Länge quasi halbiert wird. Wir legen dabei die linken, inneren Seiten zusammen! Das ist das besondere an der französischen Naht, dass man entgegen der sonstigen Gewohnheiten zuerst auf der „guten“ Seite versteppt. Mit ausreichend Nadeln fixieren.

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Etwa so absteppen, dass die Stoffkante mit der Nähfußkante abschließt (ca. 7mm).  Hier habe ich schon eine lange Seite zusammengesteppt. An der Ecke die Nadel stecken lassen, Nähfuß lüften, drehen, Nähfuß wieder absenken. Diesmal können wir am Ende den Faden durch zurück- und vornähen sichern, oder verknoten.

Damit die Ecken besser auszuformen sind, wird die NZG beigeschnitten:

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Dann wenden wir das nun schon tütenartige Gebilde und nähen nun auf der linken Seite. Mit dem Handmaß (oder einem passenden Lineal) sicherstellen, dass du nun 10mm vom Rand absteppst – sonst könnten Fäden von der Stoffkante später herausschauen.

Damit sich die Konstruktion nicht wieder einrollt, habe ich mit großen Büroklammern die Naht „auseinandergebügelt“ – so bleibt die erste Naht wirklich innen.

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Es gibt auch spezielle „Kantenformer“, ein kleines, keilförmiges Plasteteil, was solche  Arbeiten beim Wenden erleichtert. Jedenfalls steppen wir erneut vom Hohlsaum beginnend bis zum Stoffbruch und sichern die Fadenenden.

So sollte jetzt die französische Naht bei Lichte betrachtet aussehen:

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Bei der rechten Naht im Bild bin ich versehentlich etwas an den Hebel für den Zickzackstich gekommen 😦 – das hatte aber keinen Einfluß später auf Optik oder Funktion.

Endspurt – wir drehen den Beutel auf Rechts und bringen noch ein kleines Detail an: im Bereich des Hohlsaums klappen wir die Nahtzugabe zu einer Seite um und steppen nochmal ein kurzes Stück durch den Oberstoff und die Nahtzugabe ab. So erhalten wir eine stabilisierende, halbe Kappnaht:

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Hier können wir unbesorgt die Fadenenden durch Vor- und Zurücknähen sichern, die vielen Lagen Stoff ziehen sich kaum zusammen.

Ja, wir sind fertig mit Nähen! Bevor du nun freudig erregst deinen ersten MYOG-UL-Beutel stolz deinem „Raumteiler“ oder dem Weltnetz präsentierst, sichere bitte direkt nach dem Nähen deine Maschine.

Ziehe erstmal den Stecker raus und senke dann den Nähfuß auf ein Stück Stoff ab. Ich legen noch einen Zettel drunter, auf dem der Nadeltyp steht, so muss ich dann Tage später beim nächsten Projekt nicht mit der Lupe die Bezeichnung mühselig auf dem Nadelschaft entziffern.

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Mit einer Sicherheitsnadel fädelst du die Schnur durch den Tunnelzug, Stopper drauf und verknoten (Länge ggf. anpassen).

JETZT bist du fertig :mrgreen:

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Mit 13 Gramm brauchst du dich auch nicht verstecken; mir ist die Ordnung im Rucksack das Mehrgewicht allemal wert und so ein Beutel hält Jahre der Nutzung klaglos aus.

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Für weitere Zwecke habe ich noch diverse Varianten auf Lager, etwa ein stabiler Rundbeutel mit halber Kappnaht (da stopfe ich winters die Primaloftjacke rein) und ein Beutel für allgemeines Zubehör mit abgesteppten Ecken für eine viereckige Bodenform. Der Rundbeutel ist aus einem Schnittteil mit 50 x 40 cm sowie einem Kreis mit 17 cm Durchmesser gefertigt, der konstruierte Durchmesser (Nahtlinie) beträgt 15 cm. Real hat sich durch das Nähen der Durchmesser auf etwa 14 cm zusammengezogen 😳

Der Krambeutel hat fast die gleichen Maße wie unser Tutorialbeutel (1 cm kürzer), nach dem Absteppen der Ecken ergab sich eine Höhe von ca. 29 cm und eine Bodenfläche von ca. 12 x 9 cm.

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Varianten sind auch beim Schnürzug möglich, etwa ein geschlossener Hohlsaum mit Knopflöchern (bei leichten Stoffen nicht ganz einfach) und dergleichen mehr. Jetzt bist du dran mit Ideen!

Ausblick

Mühsam ist aller Anfang, aber nur so kann man sich an komplexere Projekte herantasten. Auf jeden Fall wirst du die hier gezeigten grundlegenden Techniken immer wieder anwenden.

Ahoj!
Euer Quittenbrot

 

 

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