Semmelweisreflex & Bunkermentalität

Im Mountainbike-Forum wurde vom User MartinFarrent neulich die Frage aufgeworfen:

Warum schwappen die Erfahrungen aus der Bikepacking-Szene nicht wenigstens teilweise auf die Reiserad-Spediteure über? […]

Darauffolgend entwickelte sich eine lebahfte Diskussion, aus der ich meine Beiträge hier wiedergebe. Wer den Faden im original liest – ich bin da als tanztee unterwegs 😀

Als ein Versuch die obige Frage zu beantworten habe ich mich zunächst in „Küchenpsychologie“ geübt 😉


Der Semmelweis-Reflex!

Sprich, neue Erkenntnisse oder Methoden, welche das bisherige Tun und Denken (zwangsläufig) in Frage stellen, werden zunächst erstmal pauschal abgelehnt, ohne ergebnisoffene nähere Prüfung der Sache an sich.

Als ich durch puren Zufall mit der UL-Technologie in Berührung kam, hielt ich die entsprechenden Akteure auch anfänglich für unverantworliche Spinner oder wahlweise esoterisch angehauchte Selbst-Kasteier mit Sendungsbewußstein 😮

Doch der Funke glomm in mir und so probierte ich schrittweise die neue Technologie aus. Es ist wahrlich nicht einfach, nach Jahrzehnten der – Sorry – Gehirnwäsche durch die Outdoorindustrie, in Verbindung mit einer gewissen Autoritätsgläubikeit, wieder Selbstvertrauen aufzubauen und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Ein selbstgenähter Rucksack hat nunmal kein „Servicepaket“ an Bord, auch keine Betriebshaftpflichtversicherung oder Gewährleistung wiegt Dich mental in Sicherheit. Da brauchst Du Selbstvetrauen: Ich habe den Rucksack selbst genäht, ich kann das und schätze auch die Einsatzbedingungen und meine Fähigkeiten zutreffend ein.

So konnte ich mir anfänglich überhaupt nicht vorstellen, im „Quilt“ zu nächtigen (Schlafdecke mit Fußbox). Aber ein nicht ganz so teurer Sommerschlafsack wurde zwecks Testung umgenäht, auf dem Balkon und dann im „Schonraum“ Gartengrundstück ausprobiert, dann auf Tour … jetzt kann ich mir ein Schlafen im klaustrophoben Schlafsack gar nicht mehr vorstellen.

Da wird natürlich auch massiv mit Ängsten gespielt, eher indirekt: es muss immer ein Supertex-Gedöns mit Millionen Scheuerzyklen sein; Himalaya-gestestet bringt auch im Mittelgebirge ein wohliges „Bunker-Gefühl“ mit sich, da schleppt man sich gerne ab für …

Okay, das könnte jetzt gerne abendfüllend werden, deshalb an dieser Stelle „cut“ und der Hinweis auf Semmelweis-Reflex und mangelndes Selbstvertrauen in eigenes Können, Wollen und Fühlen, welches gerne durch Gläubigkeit an „Autoritäten“ und Technologie ersetzt wird.


Es kam natürlich der Einwand, das (=Heavy Gear) hat sich eben bewährt und die vielen Reiseradler wüssten schon warum … schööööne Vorlage 😎
Hier freut man sich schon so ein alter Sack zu sein und Geschichten aus den Sezessionskriegen erzählen zu können. Wir wühlen ganz tief in der Geschichte:


Die Crane-Vettern – hier Nick mit seinem leichten Fahrrad – sind Ende der 80er zum „Mittelpunkt der Erde“ geradelt, mitten im Himalaya, mit einer Ausrüstung, da würde ich mich nicht mal zum Bäcker ums Eck trauen!
Der Bericht ist nur noch archivarisch erhältlich.


Der Faden zerfasert anschließend etwas in Richtung der Kosten beim Umstellen auf (U)L. Aber ich war mit dem Thema noch nicht durch:


An der Stelle mal der Hinweis auf Bikepacking – Der günstige Einstieg, damit der ohnehin hier nur blaßrosa vorhandene Faden nicht weiter ausbleicht …

Die eingangs gestellte Frage war ja im Prinzip, warum (Ultra-)Light Bikepacking nicht aus der „Freak-Nische“ herauskommt und sich im Mainstream niederschlägt.
Dazu – nach dem weiter vorn erwähnten „Semmelweis-Reflex“ – noch ein weiterer Gedanke:

Die Bunker-Mentalität
oder: sich gegen das „Leben“ versichern

Hier greift die Outdoor-Industrie IMHO das Urbedürfnis nach Schutz vor Feinden, Wetter und allem Ungewissen auf, das in der Maslow-Pyramide ziemlich weit unten zu finden ist („Sicherheitsbedürfnis“). Dieser Schutzreflex wird bedient durch pseudo-wissenschaftliche Markentingsprüche bezüglich der Ausrüstung mit unglaublichen Windgeschwindigkeiten, Scheuerzyklen, Wassersäulen, Reiß- und Weiterreißkräften usw. usw.
Das Doppelwandzelt mit Gestänge aus „Flugzeugaluminium“ suggeriert mithin einen gewissen „geprüften“ Sicherheitslevel, die schwimmfähigen Ortliebtaschen würden einem im Amazonasgebiet sicher das Leben retten, auch wenn man nur an der Weser entlang radelt …

Light BP heißt wiederum, Entscheidungen zu treffen, ohne dass man jemand anderes dafür verantwortlich machen kann. Wenn der Holzstock, an dem ich mein Tarp abspanne, bricht, dann war ich eben zu blöd zum Holzsammeln oder hatte einfach Pech. Jedenfalls klebt da kein „CE“-Siegel drauf. Es haben auch nicht 56 Bikepacker 5 Sterne für Holz aus diesem Waldstück vergeben.

Dabei will ich gar nicht dem Leichtsinn das Wort reden, ich bin eher sicherheitsorientiert und plane sorgfältig im voraus.
Aber die BWL hat da das Gesetz des abnehmenden Grenznutzen entdeckt, sprich, ein mehr an irgendwas bedingt nicht immer ein mehr an Funktion oder Genuß (=Nutzen).

An der Stelle ist das Buch „Trail Life“ von Ray Jardin zu empfehlen, da er genau diese Punkte ausführlich beleuchtet – viel eloquenter und durchdachter, als ich hier mit meinen holperigen Worten.

In diesem Sinne: erkenne Deine Bedürfnisse […]


Soviel zum Faden aus dem Forum.

Gedanken im Nachhinein

Da wäre die Frage, ob das denn alles ein Gegensatz sein muß? UL oder Light Bikepacking sehe ich durchaus als Erweiterung oder Ergänzung des bisherigen Spektrums an, was eben für spezielle Touren sinnvoll ist. Von mir aus können Kanuten oder Autocamper Familienzelte mit Stehhöhe mitnehmen, oder die Hand-Espressomaschine. Das wäre ja ansonsten genauso „schlau“, wie wenn man das Rennrad als Gegensatz zum Mountainbike ansieht 😕

Die UL-Verfechter argumentieren – zumindest in hiesigen Gefilden – auch aus einer Minderheitenposition heraus, was zu einer gewissen, sagen wir mal, Zuspitzung der Argumente und Diskussionen führen kann. Da entstehen gerne mal leichte Überlegenheitsgefühle, da man sich im Besitz der besseren „Technologie“ zu befinden scheint. Die Fokussierung allein auf das Gewicht und der teils fanatische Kampf um wenige Gramm Gewichtserparnis laufen dem ursprünglichen Light-Gedanken etwa von Ray Jardin sogar zuwider – er hat nicht umsonst die Ausrüstungsliste mitsamt Gewichten ganz hinten im Buch drin, damit man sich erstmal mit der grundlegenden Philosopie beschäftigt. Ebenso schlägt er zum Kennenlernen Mischformen aus alter (schwerer) und neuer (leichter) Ausrüstung vor.

Abschreckend könnte auch in den diversen Foren die stereotypische „Weglassen“-Reaktion auf Ausrüstungsfragen sein. Wenn jemand ein Messer mitnehmen will, dann ist das eben sein Bedürfnis. Der will dann nicht hören: Nimm keins mit ist am leichtesten. Mir hat jedenfalls ein irgendwo aufgeschnappter Tipp eines wohlwollenden Zeitgenossen geholfen, ein für meine Zwecke und Verwendung leichtes, dennoch hochfunktionales Messer zu finden.

Eine dritte Sache fällt mir noch ein: Mit (Ultra)Light und den ganzen Foren, Blogs, privaten Homepages usw. hat der Fachhandel etwas an Deutungshoheit eingebüßt. Der damit einhergehende Bedeutungsverlust provoziert da schon auch mal recht unentspannte Reaktionen auf fröhlich vor sich hinpeifend in Turnschuhen über den Alpenhauptkamm „spazierende“ UL-Trekker, die das in Blogs und Foren der klassisch unter ihrer Last wankenden „Quäl-dich-du-Sau-Fraktion“ natürlich so richtig genüßlich unter die schweißnaß tropfende Nase reiben … 👿

Liebe Heavy-Gear-User,

niemand will euch euer Spielzeug wegnehmen! Macht euch mal locker 🙄
Denn ich behaupte mal ganz kühn, dass sich Light-Bikepacking oder UL-Trekking in Reinkultur gar nicht so doll ausbreiten wird, wie das die Zahl der Blogs und Forenbeiträge suggerieren mögen. Es wird zweifelsohne in den Mainstream „einsickern“, aber wie ich hier in meinem Blog schon geschrieben habe, wird das aufwändige Nachdenken, Testen und Reflektieren die Zahl der konsequent Light ausübenden Biker und Trekker schon von sich aus begrenzen – dazu braucht es weder Haß noch Hähme.

Gemäß dem „ethischen Imperativ“ ist für mich Light eine zusätzliche, oft mögliche (selten einzig machbare) weitere Spielart des Draussenseins und weder komplett neu (siehe die Crane-Expeditionen) noch das Ende des Outdoor-Gear, wie wir es bisher kennen.

Ahoj! Euer quittenbrot

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