Vom Schlafsack zur Schlafdecke

Wer leicht unterwegs sein will, fängt mit Abspecken schlauerweise bei den großen „Drei“ an: Zelt, Rucksack und Schlafsack. Bei letzterem habe ich meine vorhandene klassische Ausrüstung umgearbeitet und dabei ordentlich Gewicht gespart. Kosten: praktisch Null Euro!

Grundsätzliche Überlegungen

Die Schlafdecke mit Fußbox, in UL-Kreisen auch Quilt genannt, geht auf Ray Jardine zurück. Er experimentierte auf seinen Touren nach schlechten Erfahrungen mit teils teuren Dauenenschlafsäcken mit selbstgenähten Quilts, die er dann sogar auch am Südpol einsetzte! Seit geraumer Zeit verkauft er auch entsprechende Selbernäh-Sets.

Da er die Kunstfaserfüllung punktuell in einem Gitterraster vor verrutschen sichert („Quilten“), nannte er seine Schlafdecken fortan Quilt – ein Begriff, der sich auch für nicht gequiltete Schlafdecken eingebürgert hat. Im weiteren werde ich jedoch vorzugsweise von Schlafdecken sprechen.

Inzwischen scheint leider auch bei Schlafdecken die Featuritis Einzug zu halten: da werden allerlei Bänder, Schnüre und „Optionen“ mitgeliefert, die meines Erachtens den eigentlichen Vorzug der Schlafdecke einschränken: Das Gefühl von Freiheit! Wenn Du früh unter deinem Tarp oder unter einem Schutzdach aufwachst und – Wusch! – die Decke abstreifen kannst, ohne dich zuerst dem Wärmekragenschürzug, dem Kapuzenschnürzug, dem Reißverschlußsicherungsklettriegel und endlich dem Reißverschluß widmen zu müssen, das hat schon was.

Der andere Vorteil ist die Einfachheit – wo nichts ist, kann nichts kaputtgehen und es wiegt auch nichts. Oder gibt es etwas „Schöneres“, als früh mit voller Blase erstmal ausführlich den festgeklemmten Reizverschluß zu befummeln ❓

Die Schlafdecke mit Schnüren *um* die Isomatte zu befestigen, hat sich bei mir auch nicht bewährt:

  • es entstehen „tote Winkel“ oder Ritzen, wo die kühle Aussenluft super reinzieht 😮
  • du verhedderst dich beim Hinlegen in zahlreiche Schnüre, Schlaufen, Haken, Schnallen … simple geht irgendwie anders
  • die Schlafdecke ist nicht mehr optimal an deine Körperkonturen angepasst
  • allenfalls bei konturierten Matten kann die Schnürung funktionieren – fällt also bei Luftmatratzen schon mal aus

Die Art des Schlafens mit Schlafdecke ist etwas anders zum gewohnten Schlafsack, deshalb ist die Passform so wichtig: du steckst die Füße in die Fußbox und dann klemmst du dir die oberen Ecken unter die Schulter, so straff, dass der Saum der Schlafdecke knapp unter dir liegt, aber nicht so straff, dass der Loft plattgezogen wird. Im Idealfall liegst du so auf den Rändern, dass keine kalte Luft eindringen kann.

Hier hilft anfangs nur fleißig Üben im „Schonraum“ (Balkon, Garten, Bett, …), bis man sich daran gewöhnt hat.

Ich unterscheide für mich zwei Schlafdeckentypen:

  • Schlafen mit Mütze/extra Kapuze: die Schlafdecke ist so lang, dass die Schultern umschlossen werden
  • Schlafen mit der Option den Quilt über den Kopf zu ziehen (ggf. zusätzlich zu Mütze/Kapuze) – entpricht so eher dem Ray-Way.

Da ich Seitenschläfer bin und des nächtens fleißig rotiere, verfahre ich so: meine Quilts müssen etwas breiter sein als für Rücken/Bauchschläfer nötig wäre. Ich ziehe mir zuerst die Rückenkante unter den Körper, so dass ich genau drauf liege. Anschließend kann ich mit dem obenliegenden Arm die „obere“ Seite so umlegen, dass mich die Schlafdecke genau auf „Tuchfühlung“ – ohne Spannung und ohne tote Winkel – umhüllt.

Ja, ich schlafe sogar im Alltag unter meinen Schlafdecken – ganz oder gar nicht :mrgreen:
Dabei habe ich vor Jahren noch öffentlich getönt, mir dies gar nicht vorstellen zu können …

Was sich allerdings als äußerst nützlich erwiesen hat, ist eine Art 3D-Schnitt im Schulterbereich. Mein Sommerschlafsack ist solcherart konturiert und legt sich außerordentlich sauber um die Schultern. Bei meinem umgenähten 3 1/2 -Jahreszeiten-Schlafsack ist diese Konturierung nicht vorhanden, so dass ich einen Tunnelzug angebracht habe – mehr dazu im entsprechenden Abschnitt.

Sommerschlafsack umnähen

So, nun schreiten wir zur Tat: ich habe mit einem ca. 100 € teuren Sommerschlafsack angefangen, da schien mir das Risiko überschaubar. Außerdem war eine Naht innen aufgegangen, ich musst so oder so ran. Die KuFa-Füllung schätze ich mal so in der Gegend vom 60er Primaloft, es sollten bei meinem Kältemepfinden nicht wirklich weniger als 10°C nachts werden.

Zuerst habe ich die Außenhülle abetrennt, indem ich kurz neben der Naht am Reißer ageschnitten habe.
So der erste Schnitt richtig echt ins Material … bei einem Markenschlafsack mit Markenfüllung und Markenstoff … CE zertifiziert und EN getestet … Ja! Ein Gänsehaut-Gefühl!! Revolution!!! 😈

Danach habe ich die spätere Außenkante angezeichnet und alle Überflüssige abgeschnitten – natürlich nicht ohne Nahtzugabe!

sommerschlasa-cut

Es wird ernst: die spätere Kontur wird inkl. Nahtzugabe hergestellt

Abschließend habe ich fürs Finish etwas übertrieben und im Grunde eine abgesteppte französische Naht gefertigt. Ich würde heute so vorgehen: Etwa einen Zentimeter vom Rand entfernt links auf links absteppen, anchließend zweimal zur Innenseite umfalten (=Hohlsaum) und absteppen. So entsteht ein griffiger Saum und man muß nur zweimal steppen. Außerdem muss man so nichts drehen und umwenden – die Schlafdecke liegt die ganze Zeit so, wie sie später verwendet wird.
Im Bereich des „Umkerpunktes“, also des unteren ehemaligen Reißverschlußendes, wird sich sicher die eine oder andere Falte ergeben. Das hat auf die spätere Funktion keine Auswirkung!

Ursprünglich war der Innenstoff des Schlafsacks der Länge nach an den Nahtzugaben in der Mitte abschnittsweise aneinandergesteppt. Aufgrund meiner zu umständlichen Methode habe ich das weggelassen bzw. nicht erneuert, so dass die Innenhülle etwas lose hängt. Nicht doll – aber ich habe mich daran gewöhnt. Mit der oben empfolenen Methode kann diese Verbindung bestehen bleiben, so verrutschen die Lagen nicht so sehr zueinander.

Erfreulich der Vorher-Nachher-Vergleich: 965 g ➡ 584 g! Jippie – 381 g eingespart und mehr Komfort als vorher! Die maximalen Maße betragen ca. 112 x 192 cm (locker hingelegt).

cut-off

Die Sommerschlafdecke mitsamt den Resten der Erleichterungsaktion

Aus der alten Mumienkapuze habe ich mir sogar noch eine Art Kapuze genäht, welche winters in meinem Schlafsetup eingesetzt wird. Die Idee ist hieraus. Für einen schnellen „Hack“ nicht schlecht, aber die Passform ist eher suboptimal. So eine Mütze wird bestimmt noch mal aus ordentlichem Material mit eigenem Schnitt genäht, aus Resten von einem anderen Projekt.

Daunenschlafsack konvertieren

Ermutigt durch meine anfänglichen Erfolge, ging es nun einem 3-Jahreszeiten-Schlafsack einer bekannten kultgehypten ostdeutschen Manufaktur an den Kragen.
Sorry Jungs, Dinge ändern sich nunmal. Nicht traurig sein 🐻

Bei Daunenschlafsäcken musst du zuerst zwei Nähte im Abstand von ca. einem Zentimeter steppen, die Mitte dazwischen entspricht den späteren Außenmaßen zzgl. Nahtzugabe. Erst jetzt kannst Du die Schere ansetzen.

Geschickt ist es, einen Staubsauger gleich anbei zu haben und auf Teppichboden eine Plane auszulegen. Es wird nämlich gleich „Winter“ und schneit gaaaanz viele Daunen.
Schneide nun zwischen den beiden Nähten entlang und stopfe die herausquellenden Daunen in eine Tüte und sauge gleich hinterher.

Die zukünftige Quernaht lässt sich nur schwerlich durch die Daunenschicht tackern – hier hilft nur absaugen. Unglaublich, wieviel Daunen man da rausholt und wo die Biester sich überall verstecken o_O

Ich habe vorher möglichst viele Daunen in die Mitte geschüttelt und so einen leichten „Overfill“ erzeugt.

DSC_6672

Die alte Penntüte muss Federn lassen 😉

Dann zweimal umfalten, absteppen, fertig!

Was nicht so gut funktionierte:

  • die Breite ist nicht ausreichend für den fetten Loft meines Overfills – gerade für mich als Seitenschläfer ist das super knapp.
  • der Tunnelzug ist zwar nützlich zur Anpassung – aber ständig liege ich auf dem Stopper 👿
  • da der Reißer ziemlich lang war, ist leider die Fußbox zu kurz geworden. Behelfsweise kann ich die Säume im Fußbereich  mittels Kam Snaps Druckknöpfen zusammenfügen – aber bei meinen nächtlichen Rotationen und „Moves“ macht es gerne auch mal laut und plötzlich „PLOPP“!
  • ein Schnürsystem – ob unter der Isomatte oder unter dem Körper – hat sich bei mir nicht bewährt. Erstens liege ich dann garantiert auf Knoten oder Minikarabinern und das Ein- und Aussteigen wird komplizierter.

Letztlich geht es mit meiner Daunenschlafdecke schon mal eine Nacht im Winter auszuhalten, sofern ich zusätzlich meine Primaloftjacke und Weste anziehen. Aber bewegen kann ich mich da nicht so wie gewohnt, ist insgesamt eine knappe Kiste.

Von 1116 g auf 803 g spart immerhin 313 g, bei Außenmaßen von 123 cm Breite und (mit Loft) 217 cm Länge. Besser wären hier mindestens 130 cm Breite, trotz des daraus resultierenden Mehrgewichtes.

Wenn man nämlich korrekterweise den Loft einbezieht (=Differentialschnitt) und einen idealen Kreis annimmt, werden – nur mal hypothetisch – bei 3 cm Loft aus 140 cm Breite, die dann den Umfang aussen bilden, innen rechnerisch gerade mal noch 121 cm im Umfang! Selbst wenn wir pauschal mit nur 50% Verlust im Innenumfang kalkulieren, da auch Teile flach liegen, „frisst“ der Loft immer noch etwa 10 cm.

Wie sagte mal jemand (je nach Quelle Einstein, Oscar Wilde und andere)?

Erfahrung ist die Summe unserer Fehler.

Fazit und Ausblick

Mittlerweile bin ich nun bekehrter Deckenschlafsack-Schläfer und will um keinen Preis zurück in die Mumie! Während die Sommerschlafdecke sowohl vom Gewicht, als auch vom Packmaß und Schlafkomfort her ein Volltreffer ist, gilt das leider nur eingeschränkt für das Daunenpendant. Daher plane ich auf Dauer einen Ersatz durch eine komplett selbst genähte Schlafdecke mit Kunstfaserfüllung und habe auch schon aus der billigsten Zudecke vom Möbelschweden einen Prototypen genäht. Das Projekt muss aber noch ein wenig reifen.

Die Kostenangabe von oben ist natürlich etwas geschummelt, da einige Voraussetzungen dafür vorliegen müssen, ganz klar. Jedoch konnte ich diese Projekte ohne zusätzliche Kosten verwirklichen.

Ahoj – Euer quittenbrot!

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