Rucksack Workshop: Simple Packs

Zugegeben, das ist zum Einstieg ne Menge Denglish. Es geht um ganz simple Rucksäcke, die für den Übernachter („Overnighter“) oder als Allzweckrucksack dienen können. Da ist kaum etwas dran, was weggelassen werden kann – einfacher gehts nicht 😎

Nachdem ich meinen Simple Pack #1 – Modell „Tüte“ das erste Mal testen konnte, entstand auch gleich spontan Simple Pack #2 – Modell „Tonne“ – für einen guten Freund aus festerem Material.

Heute will ich die Konstruktion und Entstehung genauer Beleuchten, da ich das für einen machbaren Einstieg in die Welt der selbstgenähten Rucksäcke halte. Hat man erstmal das Grundprinzip begriffen, besitzt man eine solide Basis für individuelle Erweiterungen und Änderungen.

Simple Pack #1: der Overnighter

Starten wir mit einem der einfachsten Designs überhaupt – einer Tüte aus einem Stück Stoff mit Trägern und Rollverschluß.

Grundsätzlich kannst du den Korpus aus einem oder zwei Stücken Stoff nähen. Etwas Kleinmaterial ist auch nötig. Hier siehst du mein benutztes Material:

DSC_7501

Du brauchst also:

  • Stoff für den Korpus (hier: Reststück 160×45 cm Ripstop-Nylon)
  • Reststück als Verstärkung (grünes Stoffstück unten im Bild), ca. 35 … 40 x 7cm
  • reichlich 1m Webband 40 mm breit für Schulterträger
  • ca. 80 cm schmaleres Band (Verlängerung Schulterträger) mit Leiterschnallen
  • Paracordaußenhülle und Kordelhaken (oder klassische Leiterschnalle)
  • zwei Stücken Band für die Schnalle am Rollverschluß
  • ca. 0,5 m Ripsband 25 mm als Abschluß der Trägerbefestigung
  • ca. 15 cm Band als Trageschlaufe

Die Kordelhaken und die schon verstärkten Paracordstücken können auch durch eine klassische Schnalle ersetzt werden, so wie ich es beim Simple Pack #2 ausgeführt habe. Hier hatte ich das schmale Band (aus einem Kameragurt) und die Paracordschlaufen aus dem Fundus da und wollte das mal verwenden.

Die schwarzen Schlaufen kann man auch weglassen; andernfalls benötigst du noch vier Kordelhaken geschlossen und einen kleinen Kunststoffhaken oder Karabiener sowie ausreichend Gummilitze für die auf den weiteren Fotos ersichtliche Beschlaufung.

Doch zuerst schauen wir uns das Konstruktionsprinzip und die entscheidenden Details an:

modell-tuete-web

Meine Packsack-Gesamtlänge mit Rollverschluß betrug 69 cm, bei 28 cm Breite und 14 cm Tiefe. Gerade der Rollverschluß braucht seine Stofflänge, sonst ist der Verschluß nicht sicher und zieht sich eventuell auf. Praktisch beträgt die nutzbare Packhöhe 48 cm (so breit ist meine gekürzte Evazote Isomatte), da bleibt nicht viel über zum Einrollen des Rolltopverschlusses.

Die untere Trägerschlaufe wird seitlich am Boden mitgefasst, wenn du die Ecke absteppst. Die abgesteppte Ecke ergibt die viereckige Grundform und verhindert „tote“ Ecken beim Packen. Übrigens, so lassen sich auch prima Einkaufsbeutel nähen, wenn man die Maße anpasst und oben Trageschlaufen annäht.

Weitere Details folgen beim Nähen und hier gibt es hochexklusiv einen Einblick in meine geheimen Fertigungsdokumente:

overnighter-bp-webDer Scanner hat den letzten Satz verschluckt: – Verbindung breites Band – schmales Band herstellen. Die Packhöhe von 53 cm ist zu hoch angesetzt, da würde der Rollverschluß kaum zugehen. Durch die Ausbeulung beim Packen ergibt sich dennoch ein Volumen von etwas mehr als 20 l. Auch habe ich die Beschlaufung später geändert, so wie es ganz rechts skizziert ist.

Aber nun ran an die Nähma!

Simple Pack #1 nähen

Den Anfang macht immer die Befestigung des Schulterträgers. Die Konstruktion sieht so aus:

simplepacks-schulterriemenkonstruktion-web

  1. Grundmaterial des Rucksacks
  2. Träger
  3. innere Verstärkung
  4. Band als äußerer Abschluß
  5. bei Bedarf Band als Rucksackverschluß (siehe Simple Pack #2)
  6. Trageschlaufe

So verteilen sich die Kräfte optimal über das Band auf eine größere Fläche und die Träger sind sandwichartig zwischen 3 Lagen Material befestigt, das sollte einiges aushalten.

Nun gehts aber wirklich los: zuerst wird die innere Versärkung festgesteppt:

 

Wenden, und nun arbeiten wir von rechts die Trägerkonstruktion an den Stoff:

DSC_7509

Wir sehen die Naht der inneren Verstärkung und markieren zeichnungsgemäß die Ansatzlinie der Träger. Hier steppe ich zunächst mit engem Geradstich, bei 8 cm Innenabstand und 25° Winkel die Träger und dazwischen die Schlaufe fest, dann setze ich etwas darunter noch eine Zickzacknaht mit maximaler Breite und eher kleiner Stichweite. Das Ripsband (oder ein anderes, flaches Band) wird so aufgenäht, dass die obere Naht etwa auf die Ansatzlinie kommt. Sieht dann so aus:

DSC_7510

So, das schwerste wäre geschafft!

Wir nähen nun die Tüte flach zusammen, bei feinen Stöffchen empfehle ich die französische Naht. Ganz simpel kannst du auch wie ich die Nähte auch mit einem Zickzackstich versäubern.
Schlaufen für die Gummikordel ggf. vorher anheften, sonst lernst du deinen Nahttrenner schätzen und lieben 😉

Die Ecke wird erstmal ordentlich markiert, das ist die halbe Miete:

DSC_7514Das T/2 aus der Skizze oben ist die halbe Tiefe, also habe ich hier ein Quadrat mit 7 cm Kantenlänge markiert. An den linken oberen Ecken des Quadrats die Ecke so auseinanderziehen, dass du die Markierung der Gegenseite in eine Linie bringst.

DSC_7515Etwas fummelig ist das Einbringen der Paracord-Halteschlaufe, hier ist sorgfältig mit Nadeln festzustecken. Absteppen, im Bereich der Schlaufe vor- und zurücknähen (also insgesamt 3x übernähen) und dann sieht es von rechts so aus:

DSC_7528
➡ Ich habe die Nahtzugabe nach dem Beischneiden und Versäubern von außen zusätzlich abgesteppt (einfache Kappnaht), um die Stabilität zu erhöhen. Das ist aber tüchtig fummelig. Hier findest Du noch eine andere Variante – nur als Anregung!

Endspurt: Zum Schluß habe ich den Rollsaum 15 mm breit zweimal nach außen gefaltet und abgesteppt. Mit den passenden Bandstücken wird die Steckschließe befestigt. Du kannst auch auf einer Seite ein durchgehendes Band vorsehen, das gibt einen besseren Griff beim Einrollen.

Ganz zuletzt habe ich hier noch die schmalen und breiten Schulterträgerbänder mit jeweils zwei Bartacks aufeinander befestigt – schon konnte das Probepacken losgehen! Kurze Zeit später erfolgte der erste Einsatz, wo ich meine Erfahrungen schildere.

Blut geleckt: Simple Pack #2

Begeistert von der formalen Einfachheit meines ersten Packs, wurde umgehend Version #2 geschaffen. Diesmal musste aufgrund des Einsatzgebietes Alltag und kleine Wanderungen die Form konstruktiv verbessert werden, so dass ein inneres Rückenfach zur Aufnahme zweier Z-Rest-Segmente hinzugefügt wurde und der Korpus anders aufgebaut ist.  Als „Ausgleich“  fiel dafür das Kordelgebammsel weg. Skizze:

modell-tonne-web

Die Form wird hier durch einen passend geformten Boden entscheidend gepägt, dennoch ist das Design schlicht geblieben. Auch hier lässt sich das eine oder andere Feature hinzufügen, etwas gepolsterte Schulterträger, Hüftriemen oder -Gurt usw. Aber wir sind heute im Zengarden der Rucksäcke und bleiben dem Reduktionismus treu XD
Für alle Nachnäher hier die Schnitteile des Korpus (allseitig 2 cm Nahtzugabe, oben 4 cm für den 2 cm Rollsaum):

  • Rücken 32 x 85 cm
  • Mantelfäche (Vorderteil) 56 x 85 cm
  • Boden: siehe Schnittmuster simplepack2-boden
  • Kleinmaterial ähnlich wie oben, bis auf 3 Leiterschnallen für 25 mm Band, Schließe mit Stoffbefestigung und breitere Schließe am Rollverschluß

Die Grundmaße sind hier die bewährte Breite von 28 cm, die Tiefe beträgt maximal 15 cm und als Füllhöhe sind 50 cm berechnet worden, so lang ist das Innenfach für die beiden (gekürzten!) Z-Rest-Segmente. Die Stofflänge für den Rollverschluß beträgt knapp 30 cm, so lässt sich der Pack sicher verschließen und bietet auch noch ein Reservevolumen.

Als Material verwendete ich 160 g/m² Nylon als Hauptmaterial und recht derbes 725 denier Cordura für den Boden.

Das Einnähen des Rückenfaches für die Iosmattensegmente erfolgte an extra verbreiterten Nahtzugaben (meine Schnitteile waren dann entsprechend 32 x 86 cm und 58 x 85 cm), ich rate für den Anfang zunächst davon ab. Ein passendes Stück Isomatte lässt sich bei Touren auch einfach so einlegen. Einige UL-Rucksäcke haben auch Schlaufen und Gummilitze so am Rücken angebracht, dass die in zwei Segmentbreiten gefaltete Z-Rest solcherart fixiert direkt am Rücken anliegt und als Polster fungiert.

Letztlich konnte ich die unterschiedlichen Nahtzugaben, nach teilweisem leichten Beischneiden, zur Nahtversäuberung nutzen (siehe Skizze oben und Foto).

Hier einige Schnappschüsse vom Simple Pack #2:

Fazit

Diese simplen Packs sind recht übersichtliche Nähprojekte, erweisen sich als äußerst praktisch und können der Ausgangspunkt für komplexere Rucksäcke sein. Mein allererster selbstgenähter Rucksack war praktisch so wie der Simple Pack #2 aufgebaut und ich werde das Gefühl nie vergessen, das erste mal einen selbstgeschneiderten Backpack zu schultern!

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Ein Gedanke zu „Rucksack Workshop: Simple Packs

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