Tourist aus Überzeugung

Ja, Du hast richtig gelesen: ich bin bekennender Tourist. Punkt.
Das ist ja – im Zeitalter des Massentourismus – fast schon ein Schimpfwort geworden.
Warum sage ich das in einer Zeit, wo jeder auf Biegen und Brechen originell sein will, vorgeblich ausgetretene Pfade verläßt und ständig irgendeine Grenze überwunden werden muss? Wo jede Schwarzwalddurchquerung zum Trip für und gegen etwas mutiert und solcherart mit einem emotionalem „Mehrwert“ aufgeladen wird?

Vermutlich, weil es schlicht und einfach der Realität entspricht.

Bekenntnisse eines Touristen

Ich fahre auf Wegen und Pfaden. Manche wurden eigens für den Tourismus angelegt, andere existieren schon Jahrhunderte, wurden durch Holz- und Pilzsammler, Zeidler, Jäger, Köhler, Beerensammler, Schmuggler und Holzarbeiter angelegt, die im Wald ihr Brot durch harte Arbeit erringen mussten.

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Wie alt mögen diese Stufen wohl sein?

Ohne diese Wege könnte ich meinen Sport nicht ausüben, meine Touren nicht durchführen. Besonders haben es mir die Serpentinenwege aus der Frühzeit des Tourismus angetan. Mit primitivsten technischen Möglichkeiten wurden einmalige Wege geschaffen: gestützt durch Trockensteinmauern, mit aufwändiger Entwässerung, sorgsam gefügten Steinquadern, mühsam ausgeschlegelten Felsdurchbrüchen.

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versteckt unter Bäumen lacht mich die Trockensteinmauer an 🙂

Es sind im besten Sinne zweckfreie Anlagen – sie sind ja praktisch um ihrer selbst willen da. Warum fahre ich zum Beispiel diesen versteckten, von der Zeit fast vergessenen Serpentinenweg im böhmischen Elbtal entlang?

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gefunden auf alten Meßstischblättern … und immer noch da!

Kühn schlängelt er sich hart an den Felsen entlang gen Elbtal, schmalste Kurven zirkeln dicht an gähnenden Abgründen vorbei und unter dem Laub verbergen sich massive, solide gefügte Stufen.

Die Antwort lautet: Ich fahre diesen Weg entlang, weil er da ist.

Zugegeben, ich könnte nun weit ausholen und über Abenteuer, Risiko, frische Waldluft, mentale Fitness und dergleichen reden; aber das ist ja kein zwingender Grund, nun genau diese touristischen Infrasruktur unter die Stollenreifen zu nehmen. Alles andere ist gewissermaßen Ex-Post als Grund hinzugefügt, nach dem Motto: Ich suche mir nachher die Gründe, die im Moment des Erdenkens in die Vergangenheit projiziert werden.
Nein, ich bin schlicht und einfach aus touristischen Motiven auf diesen Wegen und Pfaden unterwegs.

Diese Pfade führen mich oft auf die Höhen der heimatlichen Berge. Jedoch, was wären diese Berge ohne ihre Aussichtstürme, ohne erschlossenen Felsklippen mitsamt ihren Stufen, Brücken, Aussichtsplattformen und Hinweistafeln?

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Turm auf dem Jedlová | Tannenberg

Ein Loblied auf die Türme

Ja, was wären die Berge ohne diese menschengeschaffene Erweiterung?

Sie wären  nur halb so schön. Du steigst auf den Turm, keuchst die Treppen hinauf, trittst aus dunklem Gemäuer an das gleißende Tageslicht – und unbeschreiblich schön breitet sich die geliebte Heimat vor Deinem Auge aus!

Ja, der Turm war damals Stolz und Zier der zahlreichen Gebirgsvereine. Teils hohe Verschuldungen wurden in Kauf genommen, um zunächst eine Holzvariante zu errichten, der alsbald ein Turm aus Stein folgte. Aber auch kunstvolle Eisengußkonstruktionen krönen noch heute etwa auf Löbauer Berg und Studenec | Kaltenberg die Anhöhen, die dadurch erst zum rechten Wanderziel wurden!

Das Verpachten eines Wirtshauses und Lotterien sollten die hohen Kosten wieder einspielen; Baustoffe, Lebensmittel und teilweise sogar Wasser wurden mit Pferden und zu Fuß mühselig auf den Gipfel geschafft.

Aber nicht nur in der Höhe waren die Gebirgsvereine aktiv:

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Kirnitzschquelle

Überaus aufwändig wurden seinerzeit die drei Kirnitzschquellen gefasst, die Quellenfassungen und deren Überdachungen sind bis heute gepflegt und erhalten.

Auch ein einfaches Brunnenhäuschen, dazu nicht selten eine skurrile Sammlung Becher und Tassen erfreuen das Herz des Touristen:

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im Isergebirge

Moderner Tourismus

Die Zeit bleibt nicht stehen, das Bewährte wird erhalten und durch neue Trends ergänzt. Als bekennender Tourist musste ich natürlich den Singltreks pod Smrkem einen Besuch abstatten –  ein familienfreundlicher Trailpark in einem der hintersten Zipfel Tschechiens.

Selbst die Anfahrt dahin stützt sich auf teile uralte Wege:

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… seit altersher begangen

Ein steiles Tal führt zu einer berühmten Wallfahrtskirche, früher liefen die Wallfahrer hier barfuß hinunter, um die teuren Schuhe zu schonen. Wieviele Felsbrocken mussten aus dem Weg geräumt werden? Wie oft zerstörten Hochwasserereignisse den Weg, welcher dann mühsam erneuert wurde?

Ein Abstecher in die absolute Wildnis, fern des Tourismus – klar, davon träumen wir alle.

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Brückenperspektive

Leider unmöglich ohne unübersehbares Hinweisschild zu einer in der Neuzeit errichteten Holzbrücke, von der dieses Foto entstand 😛

Endlich habe ich das Trailsystem erreicht – schmalste Pfade aus Naturmaterial schlängeln sich harmonisch um Bergrücken und durch tiefe Forste:

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Singletreks pod Smrkem

Nach so einem Tag voller Eindrücke und Erlebnisse könnte ich irgendwo im Wald pennen, Hauptsache „abseits der ausgetretenen Touristenpfade“.

Will ich aber gar nicht, wenn ich auf einem naturnahen Zeltplatz, auf ebener saftiger Wiese, mit Dusche, Bikewaschanlage, Reperaturmöglichkeit, Fahrradverleih, Bikeshop und einfacher Kneipe ganz gediegen mein Tarp aufstellen kann.

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Das Singltrek-Zentrum

Hatte ich schon den zeltplatzeigenen (unnatürlichen!!) Pumptrak erwähnt? Und den – Achtung – künstlich angelegten Sandstrand am künstlich aufgestauten Teich? Nur die Mücken, die waren sehr  natürlich o_O

Abends schnorrt man noch Kettenöl von einem anderen Biker, und auf der Smrk | Tafelfichte trifft man das Pärchen vom Nachbarzelt wieder … dafür muss man auch mal die eine oder andere Lautäußerung der Mitcamper ertragen, was in dem Fall aber alles im grünen Bereich blieb.

Für den spontanen Wahl des Übernachtungsortes findet sich auch fast immer ein Hüttchen: draußen, an der frischen Luft und doch geschützt regeneriere ich mich von den Anstrengungen des Tages. Verstecken ist gar nicht nötig, wenn man spät kommt und früh wieder auf dem Rad sitzt:

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Den Wert ausgeschilderter Wege lernt man erst kenne, wenn diese fehlen. Auch wenn es sich hier etwas ballt 😮

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Äääh … da lang!

… so erlauben diese Systeme eine hohe Beweglichkeit, sichere Orientierung (auch in Zeiten von GPS und Schlauphon!) und nicht zuletzt ist oftmals die eine oder andere Tourenidee angesichts der Ziele auf den Wegweisern entstanden.

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Köglers Naturpfad, der ursprüngliche Startpunkt

Ergänzt werden die Wege an sich durch zahlreiche Naturlehrpfade. Die zehnte Tafel zum Thema „Waldbewohner“ mag sicher etwas ermüden, aber hier will ich mal auf ein ganz besonderes Schmankerl hinweisen: Köglers Naturpfad.

Der erste Naturlehrpfad Tschechiens, heute nur leicht angepasst wieder erschaffen, lädt immer wieder zu Erkundungen ein und lenkt den Blick auf zuweilen etwas verborgenere Sehens- und Merkwürdigkeiten, an denen man sonst achtlos vorbeigewandert oder -gerollt wäre.

Landpartie mit Rad und Bahn

Rollen ist das richtige Stichwort für diese Allee im Schluckenauer Zipfel. Ganz offiziell führt hier eine der sogenannnten Cyklotrasa entlang.

Was für ein Weg!

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Dörfer und beschauliche Städtchen ziehen vorüber. Diese alten Tore und Türen könnten sicher so manche Geschichte erzählen:

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Was wäre eine richtige, größere Radtour nach meinem Geschmack ohne das entspannte Gleiten durch die Landschaft auf besonderen Eisenbahnstrecken? An den Radfahrer ist da natürlich auch gedacht worden:

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Die heimatlichen Gestade ziehen vorüber, Vorfreude baut sich auf oder aber ich lasse die Tour Revue passieren, neue Tourenideen schälen sich aus den Gehirnwindungen …

Vergessen will ich nicht die angenehmen kulinarischen Vorteile einer passenden touristischen Infrastruktur: sei es das Ergänzen des Proviants durch frische Zutaten und regionale Spezialitäten, durch die Einkehr in eine einladende Gartenwirtschaft oder einen kräftigen Kaffee nach kalten Tagen draußen im Schnee:

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heiß und stark muss er sein

Zu schön um wahr zu sein?

Ja und nein.

Ja, natürlich sind mir auch die negativen Auswirkungen des Tourismus und der entsprechenden Infrastruktur bestens bekannt. Aber darum sollte es heute eben mal nicht gehen und eine Fehlentwicklung oder Entartung einer an sich guten Idee soll nicht dazu verleiten, gleich auch das Kind mitsamt dem Bade auszuschütten.

An sich ist eine angemessene, bedarfsgerechte und die Landschaft erschließende (und nicht zerstörende) Infrastruktur ersten besser geeignet, in unseren doch dicht besiedelten Gebieten wohnortnah einer großen Zahl von Erhohlungssuchenden den Weg in die Natur, den Weg zur Bewegung an frischer Luft zu weisen. Zweitens ist, aus Naturschutzsicht, ein Bündelungs- und Kanalisierungseffekt durchaus gewollt, können so doch hochsensible Naturräume entlastet werden, Verkehrsströme auf dafür geeigneten Wegen geführt werden. Stellt Dir nur mal vor, Tausende Großstädter würden tatsächlich mangels Infrastruktur am Wochende völlig liberal und frei ihre ganz „individuellen“ Weg trampeln und wie bei einer Hetzjagd kreuz und quer durchs Unterholz brechen!

Ich will das mal mit dem Schminken vergleichen: das rechte Maß betont und verstärkt vorteilhaft die natürliche Schönheit, ein zuviel und der Schuß geht nach hinten los 😳

Letztlich muss ich mir eingestehen, ein Kind der Moderne zu sein. Ich kann zum Beispiel  kein Reh mit bloßen Händen erjagen, ausweiden und über dem Feuer rösten. Pilze? Fasse ich lieber gar nicht an und einen Winter in der Rindenhütte? Ohne mich!

Ich komme aus dem normalen bürgerlichen Leben und kehre nach wenigen Tagen außerhalb der eigenen vier Wände wieder in dieses zurück, beschnuppere nur mal quasi an der „langen Leine“ ein Stückchen Natur, halte eine eng begrenzte Auszeit vom modernen Leben. Das macht die Stunden in Mutter Natur nicht weniger schön.

Auch wenn ich tourentechnisch mit Bikepacking, Ultralight und selber Nähen tatsächlich nicht den typischen Pauschaltouristen mache, so ist doch genetisch die Übereinstimmung größer als der Unterschied und mein individuelles Tun dient nicht der Distinktion, sondern erfolgt aus sachlichen Gründen.
Kurz gsagt: Ich will gar nicht anders sein, ich will einfach nur mein Ding machen 😎

Schlußwort aus berufenem Munde

Für alle bislang immer noch nicht geläuterten Wildnisromantiker (echte Wildnisexperten ausgenommen!) habe ich hier noch was ganz Spezielles gefunden – von jemanden, der nach 30.000 km Wandern, zahllosen Paddel- und Radelkilometern sein ganz eigenes Resumee zieht.

Christine Thürmer, Deutschlands bekannteste Langstreckenwandererin, nimmt in einem Welt-Interview  kein Blatt vor dem Mund:

 Die Welt: Zu einem Gutmenschen scheint Sie das Wandern nicht gemacht zu haben.

Thürmer: Auf gar keinen Fall. Vermeintliches Gutmenschentum geht mir höllenmäßig auf den Senkel. Die Leute denken, man müsse sich nur in die unberührte Wildnis Alaskas oder Patagoniens begeben – und schwups ist man ein besserer Mensch. Das ist wie „fucking for virginity“.

Wenn Sie wirklich „öko“ und „bio“ sein wollen, sollten Sie nicht durch die unberührte Natur trampeln.

Word!!!

Ahoj – Euer quittenbrot

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2 Gedanken zu „Tourist aus Überzeugung

  1. quittenbrot Autor

    Hallo Andy,
    Du bist ja auch in meinen Revieren unterwegs!
    Die Radhalter gab es übrigens seinerzeit im InterRegio auch bei uns, bis dieses tolle Zugangebot Opfer der Regionalisierung und Privatisierung der Bahn wurde.

    Gruß – quittenbrot

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