Neues Tarpdesign: Prototarp & Retarp.

Viele Ausrüstungsgegenstände näht man zweimal, so eine Erfahrung der Ultralight-Szene. Nachdem Rucksack #2 schon eine Weile im Einsatz ist, habe ich beim Tarp zwar Verbesserungspotential gesehen, aber konnte mich beim Design einfach nicht festlegen. Dann war auch noch das preiswerte 2.-Wahl-Silnylon  bei extremtextil alle. Der Knoten platzte, als ich vor einigen Wochen beim Discounter im „Non-Food-Bereich“ ein ganz spezielles Schnäppchen in der Hand halte:

Da lacht mich ein großzügig geschnittenes Sonnensegel an! Für 20 Tacken gehe ich das Risiko ein und untersuche zu Hause das Material auf Tarptauglichkeit: könnte passen!

Das Prototarp für zwei

So reift der Plan: daraus wird ein 2-Personen-Tarp geschneidert, mit Dachüberstand („Bakes“) auf beiden Seiten und massig Platz für zwei mit Gepäck. Die geplanten Maße mussten an die verfügbare Stoffmenge angepasst werden, an der einen oder anderen Stelle war es schon grenzwertig eng.

Das Material ist PU beschichtetes Nylon, sicher schwerer als das Silnylon mit 50 g/m² meines bisherigen Tarps, aber noch tragbar. Die Firstnaht kann ich direkt so übernehmen, die ist sogar mit Nahtband abgedichtet. Stahlstangen und Heringe sind hufschwer und werden sofort aussortiert. Da das Material nicht ganz mein Wunschmaterial darstellt und teils auch etwas lässig verarbeitet ist, ich zudem ein für mich neues Design ausprobiere, nenne ich das Tarp „Prototarp“.

Die Grundidee leitet sich aus dem Urvater der modernen Leichtgewichtstarps von Ray Jardine ab, gemixt mit den Erfahrungen meines 5-Eck-Tarps.

Erster Probeaufbau:

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Tarp aus einem Sonnensegel

Das Prototarp ist vorne größer als hinten, hat großzügige Vordächer die gegen schrägen Regen schützen sollen und man kann im vorderen Bereich bequem sitzen. Aufgrund des Materials musste ich an den Seiten einen Cat-Cut vorsehen (Stichwort: Kettenlinie), und nach dem Probeaufbau bei windigem Wetter wurden im vorderen Teil rechts und links zwei Lifter aufgenäht, um die Windlast aufzufangen und den Raum zu vergrößern.

Die Länge des Tarps an der Grundlinie beträgt (ohne Dachüberstand) 250 cm, zusammengefaltet an der Firstlinie beträgt die Höhe vorne ca. 140 cm und hinten knapp einen Meter.

Das Tarp selber wiegt mit allen Schnüren 516 g, dazu kommt noch eine Bodenplane und natürlich die Heringe. Als Komplettgewicht mit Bodenplane und Heringen rechne ich dann mit knapp 700 g – nicht gerade rekordverdächtig leicht, aber angesichts des großzügigen Platzangebotes und des billigen Materials geht das für mich in Ordnung.

Nun fehlt natürlich noch der erste Einsatz im Garten oder auf einer kleinen Tour, danach kommt dann auch der Nahtdichter zum Einsatz.

Für meine Solotouren musste nun auch etwas Neues her – aber woher das Material nehmen? Die einzige Lösung bestand darin, mein bisheriges Tarp nun zum zweiten Mal umzuarbeiten! Deshalb auch der Name:

Retarp (1-Personen-Tarp)

Nochmal zurück in der Zeit: Eines meiner ersten größeren MYOG-Projekte war ein Tarp. Eine 5-Eck-Form schien mir damals innovativ und ich wollte mir diverse Aufstelloptionen offen lassen. Jedoch erhält man eine extrem ungeschützte Seite, so dass ich schon bald eine Art einküpfbare Tür dazunähte, die man auf dem Bild (hinter dem Vorderrad) etwas erahnen kann:

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Tarp V.1 im Einsatz, mit offener Tür

Nach dem ersten echten Einsatz war mir klar: das mit den vielen Aufstelloptionen ist nichts für micht. Ich will im Camp ohne große geistigen Verrenkungen das Tarp routinemäßig aufbauen, mit allenfalls kleinen Variationen zur Anpassung an Wetter, Umgebung und dergleichen.

Also nähte ich aus der etwa rautenförmigen Tür ein festes Vordach dran und addierte noch einige Verstärkungen – Tarp V.2 kam zum Einsatz:

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Tarp V.2 kann auch Schnee ab!

Das vereinfachte schon das Aufstellen erheblich, aber es kamen Designmängel zum Vorschein: ich musste im Liegestütz unter mein Tarp kriechen, sicher nicht die tolle Option nach einem harten Tag auf dem Rad. Zudem wurde der Zug ungünstig mitten in eine Kante der 5-Eck-Form eingeleitet. Von der Ästhetik ganz zu schweigen – ich nannte mein Tarp schon ironisierend „Robby“.

Nach dem Prototarp musterte ich also mein Tarp #1 V.2 und beschloß, die Schere anzusetzen! Da ich ja nun ein 2-Personen-Tarp hatte, konnte ich das Tarp in V.3 kompakt halten und so entstand der Phönix aus der Asche:

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Probeliegen … passt!

Der vorhandene Stoff und alle greifbaren Reste wurden bis auf den letzten Zentimeter ausgenutzt, an der einen oder anderen Stelle wurde auch schon mal die Nahtzugabe vergessen und ich musste spontan zwei Meter Schrägband zurechtschneiden, das es für einen Rollsaum einfach nicht mehr langen wollte O_o

Mit einer Länge an der langen Stoffseite von 210 cm, und Längen der Seiten vorne mit einem Meter und hinten 80 cm ist das Tarp schon sehr hundehüttenartig geraten. Meine Bodenplane mit 2×1 m passt aber bequem rein und gerade der hintere Dachüberstand verspricht guten Schutz gegen Schrägregen. Vorne ist für bequemen Einstieg gesorgt, da sollte ich beim Aufbau aber schon die Hauptregenrichtung auf dem Schirm haben – sonst muss ich weiter hineinrutschen, bis dann die Füße hinten hinausschauen 😮

Die Waage verharrte bei 322 g, und das mit über 18 m Schnüren dran. Als Gesamtpaket werde ich zwar die 500-g-Marke knacken, aber das sind dann immerhin ca. 100 g weniger als bei V.2! Auch hier warte ich auf eine Gelegenheit zum Einsatz in freier Wildbahn und diverse Streßpunkte können auch noch Nahtdichter vertragen.

Das System der Tarps: ein flexibler Baukasten

Beim Design der Tarps waren – neben Gewicht und dem geforderten Minimalismus – zwei Forderungen zu Erfüllen: Schutz gegen Regen bei Wind und Zeltplatztauglichkeit. Somit schieden allzu offenen Varianten schon von vornherein aus (Leanto und dergleichen).

Das Aufstellprinzip sollte vorgegeben sein, Anpassung an das Wetter erfolgt in gewissem Maße durch die Variation des Aufstellwinkels. Flacher bei Wind und etwas steiler bei Schnee, damit der einfach runterrutschen kann. Ja, Tarp geht auch im Winter – ich werde jedoch nur halbwegs moderate Bedingungen im Mittelgebirge in Betracht ziehen.

Das Baukastenprinzip hängt im Wortsinne an zwei Zeltringen in Verlängerung der Hauptabspannpunkte am First: daran kann bei Bedarf ein leichtes, größtenteils nur aus Mückennetz bestehendes Innenzelt angehängt werden (hier auf einigen Fotos zu sehen). Dann hat man fast schon ein Zelt, aber eben nur bei Bedarf. Ein zusätzliches Segel (Ray nennt es „BatWing“) kann zusätzlich vorne befestigt werden, falls man in Gegenden mit rauherem Wetter reist.
Beide Erweiterungen habe ich zwar noch nicht genäht, aber die nötigen Abspannpunkte sind am Tarp schon da und so kann ich alles nach und nach bei Bedarf ergänzen.

Nähkommentar

Auch wenn die Vordächer oder Bakes den Nähaufwand deutlich erhöhen und die unzähligen Optionen des klassischen Rechtecktarps damit wegfallen: Man erhält entschieden mehr Regenschutz, ohne die Vorteile des Tarps – die exzellente Durchlüftung – einzubüßen. Extra Tricky ist das Anbringen der Abspannpunkte an der Firstnaht, da trifft Kappnaht auf Kappnaht und das Band muss auch noch durch.

Sollten die Designs sich bewähren, wird es sicher einen Tarp-Workshop geben, wo ich auch das Geheimnis lüfte, wie man das in der passenden Breite eigentlich nicht erhältliche Webband für die LineLocs ganz simpel selber macht 😎

Aber vorher stelle ich Euch meinen Simple Pack #3 vor: ein Rucksack für den ernsthaften UL-Einsatz fast ohne Schlaufen; bequeme 30 l mit 274 g XD

Ahoj sagt Euer quittenbrot

 

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