Gewitterpause am Zschirnstein

Während ich den Rucksack packe, donnert und grollt es. Das Regenradar und die Gewitteranzeige verraten mir kurze Zeit später: das Gewitter ist nach Westen weitergezogen und so sitze ich bald danach am frühen Abend in der S-Bahn. Das Ziel: die Boofe am Großen Zschirnstein.

Tag #1: Steile Steige und lange Kanten

Für einen weiteren Minitrip habe ich mir Wege herausgesucht, die teilweise wirklich nur zu Fuß gehen. Auf dem Rücken trage ich meinen SimplePack #3, den ich später vorstellen werde. Mit Essen für abends und morgens und einem Liter Wasser komme ich auf ca. 5,5 kg Gesamtgewicht – praktisch ein Kilo mehr Grundgewicht als bei meinem ersten Micro Adventure: da hatte ich bei gleichem Gewicht 2 Liter Wasser von Anfang an dabei.

An diesem Steig bin ich schon oft vorbeigeradelt: wo mag er sich wohl entlangschlängeln? Heute werde ich es herausfinden!

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Steig am Schiebbach

Nach der S-Bahn-Fahrt und einigen Metern Elberadweg tauche ich nun unvermittelt in eine vergessene Welt ein. Der Geocacher würde jetzt sagen: „Lost-Place-Feeling“:

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Da geht es wirklich lang!

Bald rauscht auch schon der Schiebbach neben mir, alles ist feucht und überall stehen Pfützen: die ergiebigen Gewittergüsse der letzten Tage sind nicht zu übersehen.

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Ungewöhnlich starke Wasserführung

Die Endzeitstimmung wird noch durch ein starkes Eisenrohr verstärkt, welches da so vor sich hinoxydiert. Auch die Infrastruktur hat so einen minimalistischen Touch:

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Bachquerung

Da ich auch ganz minimalistisch ohne GPS, nur mit Kartenausdruck unterwegs bin, ist die Wegfindung eine sportliche Angelegenheit. Dafür bin ich hier einsamst unterwegs.

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Licht nach dunkler Schlucht

Das laute Rauschen des Bachse leitet mich ganz gut und bis zur Schiebquelle schlängelt sich sogar unerwarteterweise ein kleiner Trampelpfad. Ich fülle die Wasservorräte auf Sollmenge auf:

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Schiebquelle

Noch ein Stückchen durch den einsamen Wald …

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Im Wald mit neuem Pack

 

… strebe ich einer mir von einer Biketour erinnerlichen Labungsstelle entgegen. So ein Feierabendbierchen wäre doch nicht schlecht.

Möööp!

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Jetzt muß ich ganz tapfer sein!

Ach was, es geht auch mal ohne Bier! Klaro! Ohne diesen golbgelben, im Glase fein schimmernden Farbton, die feinporige Schaumkrone, dieses Gefühl im Antrunk, wenn die Hopfen- und Malzaromen ungestüm auf den Gaumen schießen; wie sich das volle Aroma aufbaut und im Abgang noch lange sensorischen Nachhall generiert … ich laufe einen nicht enden wollenden Weg stur geradeaus durch den Wald, der Bewegungsapparat hat auf Autopilot geschaltet und so sind die Hirnkapazitäten zu 100% mit dem Virtualisieren köstlichen Biergenusses beschäftigt:

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Warnbandlimbo

Der virtuelle Biergenuß zerstiebt, weil ich wieder einmal den Vögeln im Wald predige: Das ist nur ein Warnband! Nix Absperrung!!

Das Warnbandlimbo geht so: einfach weiterlaufen, so hoch ist das abgespannt.

Endlich gelange ich zum Aufstieg zum Großen Zschirnstein, der Autopilot meldet: steiler Weg, Nutzereingriff nötig und ich konzentriere mich auf den Weg hinauf in der Dämmerung. Auch hier haben die Regengüsse ganze Arbeit geleistet – aber so schlimm finde ich persönlich die Veränderung gar nicht, finde den Weg sogar interessanter als vorher.

Ein Blick in die Runde im letzten Büchsenlicht:

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Blick in westliche Richtung

Jetzt habe ich nur so ein paar lose Wegfäden in der Hand und krauche über diverse steile Pfade einen Schlucht hinab, folge einem Band (quasi eine umlaufende Felsstufe) bis ich tatsächlich eine mittelgroße Boofe finde. Auf den Fotos im Weltnetz sah das irgendwie größer aus, aber egal, ich richte mich häuslich ein und mampfe kurze Zeit später mein Nachtmahl.

Es ist spät geworden, der sich für die geschlossene Gesellschaft abmühende Alleinunterhalter wechselt endlich zu ruhigeren Weisen und ich horche an der Luftmatratze.

Tag #2: Die Boofe ist viele und ein wegger Weg

Früh, für meine Verhältnisse viel zu früh treibt mich das Tageslicht aus der Schlafdecke und ich schaue mich erstmal um, wo ich hier eigentlich gelandet bin:

Zum ersten Mal fallen mir die unzähligen Sandtrichter auf, seit ich in einem Wanderführer davon gelesen habe. Hier lauert der „Ameisenlöwe“ auf ahnunglose Beutetiere, unsichtbar im Grunde des Trichters versteckt:

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Das Böse lauert immer und überall!

Zufällig werde ich Zeuge, wie eine Art Tausendfüssler hineinrutscht. Plötzlich kommt Bewegung in das Loch und der Ameisenlöwe schleudert den hinabgefallenen Sand energisch aus dem Loch hinaus! Der Tausendfüssler hat mehr Glück als Verstand und kann sich aus zwei weiteren Trichtern retten, in die er prompt hineinlatscht.

Bei Kaffee und Frühstücksbrei überlege ich mir, den Gelobtbach bis zum Elberadweg hinab zu laufen und suche mir diverse Pfade auf der Karte zusammen.

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eine Rucksackfüllung

Unweit der Boofe gelange ich auf einen alten Forstweg. Komischerweise treffe ich doch ein ganzes Stück woanders auf die markierten Wege, als ich gedacht hatte. Ooops!

Der Sache will ich auf den Grund gehen, und so drehe ich um und laufe zurück. Einen Pfad folgend, gelange ich erneut auf das Zschirnsteinmassiv und gelange so zu einer Aussicht unweit meines nächtlichen Abzweiges:

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Ein Klettergipfel, am Horizont der Děčínský Sněžník | Hohe Schneeberg

Einem Schleichweg folgend

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Heidelbeertrail

gelange ich zu einer weiteren schönen Aussicht

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einfach nur dasitzen und schauen

und entdecke im Abstieg weitere Boofen mit sonderbarem Bewuchs

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Felsbirke? Egal, sie lebt!

und weiter unten auch die Zschirnsteinboofe!

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Boofe oder Naturbunker?

Naja, meine kleine Boofe mit Aussicht und mit ohne herumliegenden Papiertaschentüchern war mir dann doch lieber – interessant sind die Felsformationen jedoch allemal.

Jetzt sitzt mir etwas die Zeit im Nacken – mittags wieder bei den Lieben war vereinbart – so dass ich dann auf dem Forstweg oberhalb des Gelobtbaches ordentlich Fersengeld gebe. An einer Quelle geht es weiter ins Tal hinein, der Bach rauscht stärker und der Weg wird naturnaher.

Noch ein Abzweig, hier schlängelt sich ein Trail hart am Bach entlang, und das Rauschen steigert sich:

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im unteren Teil des Gelobtbaches

Ein heftiger Trail, alt, ausgewaschen und durch Seitenarme des Baches durchflossen, fordert meine ganze Konzentration. Ich springe von Stein zu Stein, Bach und Weg gehen ineinander über, aber die Turnschuhe werden nur leicht feucht 😉

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eingezwängt zwischen hohen Felsen holt sich der Bach sein Tal zurück

Das hätte ich so nicht erwartet, das ist hier definitiv nicht der „Themenpark Sandstein“ mit Zertifizierung, sondern fühlt sich fast schon nach Wildnis an 😎

Kurz vor Schluß kommt das eigentlich derbste Wegstück: geschätzte 45° in Fallinie geht es über alte Sandsteinquader einfach nur runter. Das sollte wohl mal eine Bobbahn werden?

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Steil … einfach nur steil

Der Kniemörderweg ist echt herb und ich rutsche tüchtig in meinen Turnschuhen umher. Mein lieber Scholli!

Das war es dann auch im Grunde mit der Tour, unten geht es nur noch den Elberadweg zurück zur S-Bahn nach Schöna. Abends grollt das nächste Gewitter, kaum dass ich vom Spielplatz wieder zurück bin 😳

Fazit

Einfach nur schön! Die Berge, die Trails und dazu ein Rucksack der kaum auf den Schultern drückt, dennoch alles für eine komfortable Nacht beinhaltet. Wenn ich da an die Schleperei aus früheren Zeiten denke, so eine „Erleichterung“ wäre mir in meinen kühnsten Träumen nicht eingefallen.

Zu meinen Erfahrungen mit meinem SimplePack #3 und weiteren Ausrüstungdetails schreibe ich demnächst gesondert etwas.

Ahoj – Euer quittenbrot!

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2 Gedanken zu „Gewitterpause am Zschirnstein

  1. Andrea S.

    „Deswegen kann man zunächst auch nicht den eigentlichen Gelobtbachsteig gehen, sondern muss mit einer Route zur Linken des Bachs vorliebnehmen. Diese ist eigentlich kein Weg, sondern diente als Rutsche für Stammholz aus den darüberliegenden Wäldern: Eine aus Sandstein gefertigte Rinne, welche sehr steil den Hang hinaufführt. Bei feuchten Bedingungen, und diese dürften im Grund oft herrschen, ist die Begehung dieser Rinne nicht ganz ungefährlich, da die Steine glatt und gut verfugt sind, also kaum Halt bieten. “ aus https://sites.google.com/site/karstensheimatseite/home/wanderungen/gelobtbachgrund_2010

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