Familienzuwachs: Veritas 8014/40

Ein Dachbodenfund wie er im Buche steht: kaum benutzt, quasi nur „kaputtgestanden” und vom Nächmaschinenmechaniker flugs instandgesetzt hat sich eine Veritas 8014/40 aus den 80ern zu meiner alten Lady 8014/2 hinzugesellt.

Übersicht

Es handelt sich um eine Maschine, die konstruktiv der 8014er Linie treu geblieben ist, aber entsprechend dem Zeitgeist angepasst wurde. Die Farbgebung und die klaren Linien lassen unschwer die Design-Handschrift der 80er erkennen, also voll trendiges Retro-Design. Über den Preßspan-Koffer schauen wir mal gnädig hinweg, das ist eben kein Export-Modell. Es handelt sich den Quellen nach um eine der erfolgreichsten Ost-Nähmaschinen aus der damals wohl modernsten Nähmaschinenfabrik.

Konzipiert ist die Maschine mit dem Schwerpunkt Zierstiche, leider zulasten der Nutzstiche. So lässt sich die Zickzackbreite nicht individuell einstellen, auch das Umschalten ist nicht ganz intuitiv, da auch noch ein Knopfloch-Zickzack vorhanden ist (der ist dann entsprechend außermittig angeordnet). Das Handling mit dem Wählgriff und dem obenliegenden Umschalter ist etws gewöhnungsbedürftig, da man am besten erst dann die rotmarkierten B-Stiche schalten kann, wenn der Umschalthebel von selber Richtung B gewandert ist.

Gefreut habe ich mich über die elastische Zickzack-Naht, die beim Ansteppen von Gummibändern an Stoffkanten empfohlen wird. Endlich kann ich auch Zwillingsnadeln verwenden, die Führungen sind vorhanden. Die Blindstichnaht ist praktisch zweimal vorhanden und nach ersten Recherchen ist die zweite Variante damals als sogenannte Blitznaht genutzt worden, sozusagen „Poor Mens Overlock”. Der gerundete Stich – Schlangennaht? – soll zum Flicken von Hosen geeignet sein, da dann die Belastung besser als bei der reinen Zickzacknaht verteilt wird. Das Handbuch enpfiehlt den Stich beim Zusammensteppen zweier Stoffteile im Stoffbruch stumpf aneinander.

veritas8014-40_sticharten

der Wählgriff mit allen Sticharten

Die Stichweite lässt sich fein gerastert und in einem weiten Bereich verstellen – maximal messe ich 4,5 mm. Das schafft aus unerfindlichen Gründen die ganz alte Lady nicht, womit viele Nähtricks wegfallen, die einen zu entfernenden Heftstich verlangen. Auch läßt sich der Nähfußdruck vergleichsweise einfach über ein Plasterad verstellen – wenn man die seitliche Abdeckung entfernt, was werkzeuglos möglich ist.

Das Anfertigen von Knopflöchern ist ein regelrechter Rückschritt gegenüber der 8014/2, da man für die zweite Zickzack-Raupe den Stoff um 180° drehen muss – während die 8014/2 durch den selbsthaltenden Rückwärtsmodus und die anwählbare Nadellage rechts/links das ohne Drehen hinbekommt.

Der Kunststoffanteil ist merklich gestiegen, vorbei sind die Zeiten des ikonischen polierten Handrades aus massivem Metallguß – Kunststoff innen und außen ist angesagt. Die Mechanik ist aber prinzipiell geblieben – ein Schnurkettenriemen treibt die Mechanik an, Rahmen und Lagerstellen sind aus massivem Metall gefertigt.

Die Spulenkapseln sind identisch mit der 8014/2, aber die Nähfüßchen passen nicht, da die neueren eingeklickt werden. Die sind aber immer noch gebraucht erhältlich, vorerst muss ich also mit dem Zickzack-Füßchen auskommen.

Erste Projekte

Als Einstieg habe ich  an einer Kinderhose die Beinabschlüsse neu versäumt, da ich dort einen fest vernähtten, viel zu straffen Gummi herausoperieren musste.

Das Nähverhalten ist ganz klar nicht mehr das der guten, alten, schweren 8014/2. Es fühlt sich mehr nach Zweitakter an, erst bei höherer Geschwindigkeit entfaltet der Motor sein Drehmoment und verreckt in den unteren Drehzahlen. Es klingt auch etwas blechern beim Nähen, da bin ich durch die 8014/2 etwas verwöhnt.

Man hat die Wahl zwischen Vollgas über dicke Stellen hinüber zu jagen oder dann das Handrad zu bemühen. Die Endgeschwindigkeit ist jedoch beachtlich und wird vom Hobbyschneider wohl nur selten ausgereizt werden.

Dann ging es an ein schon ewig herumliegendes Projekt: der Falthut (#2) von FunFabric, den ich nochmal etwas größer schneidern musste. EtaProof ist zugegebenermaßen schon das „Blech“ unter den Stoffen, aber die Machine schlug sich hier ganz wacker. Die Oberfadenspannung lässt sich in einem weiten Bereich verstellen und der Transporteur packt Veritas-typisch zuverlässig zu.

Zwischendurch musst ich neu aufspulen, was zuverlässig funktioniert, bei der 8014/2 muss ich die Garnrolle immer auf einen Schraubenzieher stecken und den Faden noch durch die Finder gleiten lassen, was nicht nur umständlich, sondern auch verletzungsanfällig ist (Sägeefekt!).

Fazit

Die neue alte Maschine ist eine gute Ergänzung zur bewährten 8014/2,  kann diese aber in keiner Weise ersetzen. Fürs Grobe geht nur das alte Schlachtroß, da sind auch 6 Lagen 725 den Cordura kein Problem. Aber mit der Möglichkeit für Zwillingsnadeln, weiten Heftstichen, Blitznaht und elastischem Zickzackstich wird der Neuzugang sich bestimmt nützlich machen können.

Verglichen mit heutige Billigmaschinen ist wiederum die 8014/40 als ultrasolide zu bezeichnen und ist auf jeden Fall einen Versuch wert!

Zum Weiterlesen:

  • Eine Betrachtung der fast baugleichen Maschine Veritas 8014/41
  • Die Veritas-Seite im Nähmaschinenverzeichnis. Im Prinzip baugleiche Nähmas (etwa die 8014/29) werden in die zweite Liga, aber da mit 10/10 Punkten eingeschätzt – sehe ich genauso.
  • Die Veritas-Lounge, hier etwa baugleiche Nähmas im virtuellem Rundgang

Ahoj! Euer quittenbrot

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