Zurück in die Zukunft?

Wir leben in einer arbeitsteiligen Welt, die Spezialisierung schreitet ungehemmt fort. Ist da das selber Nähen seiner Ausrüstung fürs Draußensein nicht ein Relikt der Vergangenheit? Soll man das nicht lieber denen überlassen, die sich damit auskennen? Schließlich lehrt uns die Markttheorie, dass stets entsprechend der Nachfrage ein Angebot entsteht – das wird ja fast schon als Naturgesetz gehandelt.
Zu diesen Themen will ich mal wieder ein paar Gedanken veröffentlichen:

Die Minimalismuskultur als Anpassungsstrategie

Die Ultralight-Bewegung und das Selbermachen würde ich nicht als Revolution bezeichnen. Ein Revolutionär schließt einen Pakt mit irgendeiner Macht, um seine Ziele zu erreichen. Es sieht mir mehr nach Emanzipation aus: der UL-Trekker, der Bikepacker und wie sie alle heißen emanzipiert sich ein Stück weit vom vorgefertigten Outdoor-Lifestyle der Industrie, tüftelt und bastelt und schafft sich so im stillen Kämmerlein ganz unspektakulär seinen ganz individuellen, einzigartigen Zugang nach Draußen.

Wurde bisher allen Querdenkern und kreativen Hinterfragern unterstellt, sie wollten in die Höhle zurück (oder diese selber träumten von einer verklärten Vergangenheit mit Großfamilien, Facherkhäusern und friedlichen Tieren), hat sich jenseits aller Debattiererei und Problematisiererei ganz praktisch eine Selbermachbewegung gebildet: im Besten Sinne unorganisiert, planlos, ohne Statut und nur – freilich leidenschaftlich darüber debattierend – losen Prinzipien folgend.

Vielleicht ist das gerade das Erfolgsgeheimnis: kein Verein kann durch Austausch wichtiger Vordenker faktisch „umgedreht“ werden, keine große Firma, keine Patente können aufgekauft oder vom Markt gedrängt werden. Aber der Geist ist aus der Flasche und allein der unerhörte Gedanke, fortan seinen eigenen Weg zu gehen ist fast schon subversiv.

Die MYOG-Bewegung wird auch durch die Klarheit des Zieles genährt: Basisgewicht 5 kg. Punkt. Daran habe sich schon einige Kritiker die Zähne ausgebissen, es gibt zahllose plausible Argumente diese Verkürzung der ganzen UL-Philosophie auf eine Zahl aufzuweichen. Vergebens. Die 5 kg stehen wie ein Monument und sind die rote Linie, der Benchmark, die Grenzlinie zwischen dabei und knapp daneben. Selbst wer wie ich und viele andere UL eher als Inspirationsquelle ansieht, definiert auch genau das mit seiner individuellen Positionierung zur 5-kg-Marke.

Die Selbermacher wollen nicht zurück in die Höhle, sondern verwenden ganz unverkrampft modernste High-Tec-Materialien. Mal wird aus Müll gebastelt, mal werden preisintensive Stöffchen geordert, so wie es gerade passt. Der Alptraum jeder marketingmäßigen Zielerfassung sorgsam segmentierter „Verbrauchergruppen“!

An was passt sich nun die UL-Bewegung an? Meines Erachtens besteht die Anpassungsstrategie darin, auf einen völlig gewandelten Outdoormarkt zu reagieren. Waren die Anfänge der Outdoorindustrie noch wirklich nach dem Motto: Von Trampern für Tramper, so scheint nunmehr zuallerst die Bedürfnislage der Investoren das Produktdesign zu bestimmen. Es muß immer mehr werden: mehr Features, mehr Spartenprodukte, mehr Events, mehr Kundenbindung, mehr, mehr, immer nur mehr. Selbst die zeitweilige Aufnahme sogenannter „Ultralight-Produkte“ ist ein mehr an Angebotsvielfalt. Die Nachteile sind schnell aufgezählt: Schwer, teuer, komplex, mit optischen oder mechanischen Verschleiß behaftet, unübersichtlich.
Es bleibt immer ein Rest Unzufriedenheit, ein gefühlter Mangel an Technologie, immer weiter wird man getrieben: noch ein Update, noch ein „hottes“ Feature.

Die Anpassungsleistung besteht nun darin, die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen und nach minimalistischen Prinzipien zu befriedigen. Die Unzufriedenheit wandelt sich zu einem kritischen Optimismus, genährt durch Erfolgserlebnisse und dem wachsenden Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es ist mitnichten Maschinenstürmerei, höchstens ein Stürmen zur (Näh-)Maschine, sehr wohl jedoch ein nachdrückliches Einfordern, dass die Maschinen für uns da sein sollen und nicht umgedreht. Individualisierbare „Vorprodukte“, Materialien, Schnittmuster, digitale Communities – das alles baut ja auf einem breiten industriellem Fundament auf. Dennoch hat der Selbermacher den unausrottbaren Willen, seine Individualität nicht zugunsten fertiger Lösungen zu opfern, sich seine Bedürfnisse nicht von außen diktieren zu lassen.

Diese Gefahr besteht auch in der UL-Szene, etwa der Kampf um skurrile Gewichtsrekorde, oder dem Wegdiskutieren nun mal vorhandener Bedürfnisse. Da wird das Prinzip zum Dogma, die 5-kg-Grenze ein starres Korsett.

Beispiel:

Mein 16-kg-Rad Marke „Waldpanzer“ ist eben mein „Mindestgewicht“, wenn es um sorgloses Trailballern im groben Geläuf geht und Pannen keine Option sind. Wintertauglich, pflegearm und unkaputtbar waren weitere Kriterien, hergeleitet aus meinen Bedürfnissen. Im Umlegen auf reale Handlungsoptionen entstand eben mein möppiges „Bike für alles“. Wäre denn ein Carbonrad mit 8 kg, leichten Pellen und kleinen Bremsscheiben eine reale Option gewesen? Würde das nicht irgendwie zahlenmäßig besser zu meiner UL-Ausrüstung passen? Schon rein technisch hätte ich damit keinen entspannten Trailgenuß mehr, würde jeden Felsbrocken als potentiellen Wertminderer meiner rollenden Geldanlage ansehen. Nur auf das Gewicht als alleiniges Merkmal zu fokussieren wäre hier nicht zielführend gewesen.

Ganz klar erkennen wir, dass das Prinzip der individuellen Bedürfnisbefriedigung ganz oben steht, sehr schnell aufgrund von Optimierungsbestrebungen in den Minimalismus mündet („Taktik“) und sich dann konkret durch das Bedürfniss nach Trailgenuß das Gewicht als eines der entscheidenden Kriterien auf der operativen Ebene ergibt.

Dabei ist interessanterweise das „Antwortsystem“ Ultralight sogar recht komplex – gesteigerte Kenntnisse im Umgang mit der Ausrüstung, das Begreifen der Ausrüstung als System („Dual Use“ usw.) sowie taktisch-operative Aspekte der Tourenplaung als probates Mittel zur Gewichtsreduzierung verlangen schon einiges an Hirnschmalz ab. Auch die schiere Zahl der Positionen auf der Ausrüstungsliste spricht schon gegen einen allzu simplen Ansatz.

Da gilt auch hier, dass Antwortsysteme mindestens ebenso komplex sein müssen wie die Fragesysteme. Aber eben auch nicht mehr, und nur dann komplex, wenn es der Sache dient. Auch hier kämpft jeder UL-Fan um Komplexitätsreduzierung – schließlich will man nach einem schönen, aber harten Tag auf den Trails im Camp mit hoher Erfolgsquote satt werden, sich warm und geschützt regenerieren. Zu komplexe Systeme versagen da eher, bedürfnisignorierende allzu primitive Systeme generieren auf Dauer Unzufriedenheit, so dass man in der Folgezeit solche Situationen meidet und etwas nicht mehr unterweg sein wird.

Ganz finster wird es mit wahllos zusammengekauften Heavy-Gear: die Bedürfnisse nur teils befriedigend, dennoch hochkomplex, teuer – und die psychischen Spannung steigert sich noch durch die aufgrund des Marketings geschürten Erwartungshaltungen. Zugegeben, man kann sich UL-Ausrüstung auch ganz stumpf durch „Shoppen“ erwerben, teils geht es auch gar nicht anders. Aber die Beschäftigung mit dem System UL, dem Trainieren der Fähigkeiten bleibt davon unberührt. Und das fängt schon mit einer überlegten Wahl der Ausrütung an – dieser Schritt bleibt ja dem Selbermacher auch nicht erspart. Der Unterschied liegt ja in der Umsetzung.

Als Ausklang ein Spruch, der Konfuzius zugeschrieben wird und den ich irgendwo gefunden habe:

ziele-konfuzius

Besser kann man UL wohl nicht beschreiben.

Ahoj – Euer quittenbrot!

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