Geldbörse selbst genäht

Heute stelle ich ein Projekt vor, dass schon etwas Näherfahrung erfordert: eine Geldbörse mit großzügigem Münzfach, zwei flachen Fächern für Geldscheine und Ausweise und einer Klappe mit Druckknopfverschluß. Die gezeigte Geldbörse nutze ich im Alltag, aus leichterem Material kommt diese auf Tour mit und bietet mehr Komfort als nur ein Reißverschluß-Beutelchen. Das ist auch mein erstes Tutorial mit einem richtigem CAD-basierten Schnittmuster. Die Freiheit, die ich meine: das Tutorial habe ich diesmal unter eine Creative-Commons-Lizenz gestellt, also könnt ihr es praktisch frei nutzen, abwandeln und weitergeben!

Die Geldbörse

Auf der Suche nach einer meinen Bedürfnissen entsprechenden Geldbörse bin ich über die bekannten  Tetrapak-Basteleien, typgleiche Ausführungen aus Stoff und letztlich von der Grundidee des 1-2-3 cash carrier von Funfabric bei einem eigenen Entwurf gelandet:

  • Grundmaß A7+ (ca. 85mm x knapp 120 mm), damit neben dem Kreditartenformat auch mein alter Papierführerschein hinein passt
  • ein Kleingeldfach, wo ich auch mit 20 Leuten hinter mir am „Point of Sale“ entspannt 37 Cent herauskramen kann
  • zwei flache Fächer: einmal passen Geldscheine einfach gefaltet hinein, das andere Fach für Karten und Ausweise
  • einfache, leicht zu bedienende Klappe mit robustem Drucknopf
  • ultrastabiler Stoff mit „Stand“
  • keine Nähte mitten im Korpus – erhöhte Wasserfestigkeit
  • simples Design mit geringem Gewicht

Vorbereitung

Zuerst druckt ihr euch das zweiseitige PDF wallet-pattern aus. Im Druckerdialog bitte keine Skalierung einstellen!!! Zur Kontrolle gibt es einen 5-cm-Balken. Natürlich kann der Ausdruck bewusst skaliert werden, wenn du eine kompaktere Version nähen willst.

Material:

  • robuster Nylonstoff / Cordura®, empfohlen ab 500 den (hier: 725 den)
  • Stoffstück: Maße mindestens 22×50 cm oder 38×25 cm; helle Farbe zumindest für das Innenfach
  • Kam Snap Druckknopf (oder anderer, was gerade da ist)
  • festes Nähgarn, je nach Material wohl eine 90er oder 100er Jeansnadel (hier: 60er Amann Serafill, 110er Jeansnadel)

Das Hauptteil ist nur zur Hälfte dargestellt, also zweimal anlegen oder im Stoffbruch (= Stoff in Fadenlaufrichtung gefaltet) zuschneiden. Klappenbeleg und Innenfach ebenfalls zuschneiden. Das Innenfach nicht größer als den Ausdruck zuschneiden, eher einen Millimeter kleiner.

Es handelt sich um einen Fertigschnitt, sämtliche Nahtzugaben sind bereits enthalten!

Nähen

Zuerst ketteln wir die gekennzeichneten Nahtkanten, um diese vor Ausfransen zu schützen. Das trägt am wenigsten auf und sieht je nach Nähgarnfarbe auch noch dekorativ aus!

Im Beispiel habe ich einen mittelbreiten, kurzen Zickzackstich gewählt. Am Probestück unbedingt vorher ausprobieren! Gerade bei den Rundungen kann es sich auch mal etwas wellen, da man schräg zu den Fadenläufen näht.

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So sehen die gekettelten Schnitteile nun aus:

dsc_7970

Wer eine Overlockmaschine hat, sollte mal im Handbuch nachsehen, ob sich dort ein passender Stich findet (Muschelkantenstich, Rollsaum und dergleichen). Meist wird eine Oberfadennadel entfernt und es müssen einige Hebel umgestellt werden. So eine Naht sieht natürlich noch professioneller aus, aber hier habe ich bewußt alles mit einer einfachen Haushaltsnähmaschine genäht.

Beispiel für eine Ovi-Kettelnaht:

dsc_7996

Statt Ketteln wäre auch noch ein Rollsaum mittels speziellem Nähfuß denkbar, der auch wenig aufträgt, wenn man ihn nur 2lagig ausführt. Die entsprechende Nahtzugabe muss dann beim Zuschnitt natürlich berücksichtigt werden. Versuch am Probestück:

dsc_7998

Das nur als Anregung, ich habe den Rollsaum bisher noch nicht praktisch eingesetzt.

Weiter im Text: Damit die Klappe einen optisch sehr ansprechenden Abschluß bekommt und auch „Griff“ bekommt, wird sie mit einem Beleg verstürzt. Hä?  o_O

Es passiert folgendes: ein passendes Formstück („Beleg“) wird zunächst Rechts-auf-Rechts mit dem Schnitteil zusammengesteppt, dann gewendet („verstürzt“) und anschließend noch einmal knappkantig abgesteppt.
Das hat auch noch den Effekt, dass die Stoffkante extrem stabil wird, schließlich geht die abschließende Naht durch 4 Lagen Stoff!

Fangen wir an: Der Klappenbeleg wird auf der Klappe fixiert, die guten Stoffseiten aufeinander. Wie du siehst, habe ich die Nahtlinien angemarkert, was bei derben Stoffen nicht durchschlägt und dem Ergebnis sehr förderlich ist.

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Mit mittellangem Stich schließen.

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Nun muß die Nahtzugabe passend beigeschnitten werden, damit nach dem Falten keine Knubbel entstehen, wo sich auch der Stoff schneller abwetzen würde. Sieht so aus:

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Nahtzugabe etwas beischneiden

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Ecken ausschneiden, 1 bis 2 mm Stoff zur Naht stehenlassen

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Rundung mit keilförmigen Einschnitten versehen, 1 bis 2 mm Rand zur Naht lassen

Nun wenden wir die Klappe und drücken mit einem Kantenformer die Naht nach außen. Dabei schrittweise mit starken Büroklammern, Binderklips o. Ä. die Naht fixieren.

Jetzt kommt die entscheidenste Naht des ganzen Projekts: wir steppen in einem Rutsch das Innenfach in die Geldbörse ein und gleichzeitig die Klappe knappkantig ab.

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Innenfach einlegen, linke Seite oben

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sorgfältig fixieren

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die zentrale Naht wird abgesteppt

Geschafft? Prima! Mir war die Naht an einer Stelle am Innenfach zu knapp an die Kante geraten, da musste ich nochmal auftrennen und weiter innen nähen. Im Schnittmuster habe ich 4 mm Abstand angegeben, bei feineren Stoffen reichen auch 3 mm aus.

Damit die knappe Nahtzugabe des Innenfaches entlastet wird, setzten wir an 4 strategischen Punkten Bartacks, also mittelbreite Zickzacknähte mit kurzer Stichweite.
Nicht verwirren lassen – ich habe die Bartacks im Bild erst ganz zum Schluß gesetzt, aber an diesem Punkt ist es leichter zu nähen.

Anmerkung: an den Stellen wo die Bartacks hinkommen kann es den Stoff etwas auseinander ziehen, also sorgfältig arbeiten und gut fixieren. Auf die spätere Funktion hat das keine Einfluß, optisch wird das dann durch die Klappe verdeckt.

Wir arbeiten nun das Kleingeldfach, dabei klappen wir die Geldbörse mit den Außenseiten zusammen.

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die Flügel zusammenlegen

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zusammensteppen, Naht mit mittelbreitem Zickzackstich versäubern

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beide Flügelseiten genäht

Gerade am unteren Ende der Flügelnähte bitte aufpassen, dass man nicht die Stoffkante des Korpus mitfasst!

Nach dem Wenden sieht das fast schon wie eine Geldbörse aus:

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Es fehlt noch der Druckknopf. Da empfehle ich Kam Snaps, sie sind erstaunlich haltbar, haben eine überraschend hohe Haltekraft (dünne Stoffe großzügig verstärken!) und kosten nicht die Welt.

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Du kannst Sets mit eigener Zange kaufen, oder wie ich Einsätze für die Prym-Zange nutzen. Die Position des Teils auf dem Korpus selber ermittelst du bei gefüllter Börse, da sollte ja die Klappe noch zugehen.

Fertig 🙂

Schlußbetrachtung

Bei diesem Projekt haben wir eine grundlegende Nähtechnik kennen gelernt: das Verstürzen eines Belegs. Das ist für weitere MYOG-Projekte extrem nützlich, wo eine Kante entweder stabilisiert werden muss oder ein Abschluß für Formteile gesucht wird.

Bei der Gelegenheit habe ich mit LibreCAD, einem quelloffenen 2D CAD Programm, meine CAD-Kenntnisse wieder aufgefrischt und kann das Programm für solcherart Schnittmuster prinzipiell empfehlen. Das Finish erfolgte mit Inkscape, zusammengefügt wurden die beiden Seiten mit pdfunite auf der Kommandozeile.

Schlußendlich habe ich nun ein Design für mich erarbeitet, welches genau meinen Bedürfnisssen entspricht. Hier gehen Outdoor und Alltag (EDC) ineinander über, nur der verwendete Stoff ist unterschiedlich, das Design hingegen absolut identisch. Der grüne Prototyp wiegt 13 g, die taffe EDC-Version kommt auf 23 g.

Der Witz ist nun, dass ich permanent und konsequent die Geldbörse ausmisten muss, damit diese nicht zur mobilen Müllhalde für ein Konglomerat aus Tonnen Klimpergeld, alten Kassenbelegen, Fahrscheinen und Zetteln mutiert. DAS ist der Deal bei der Sache 😎

Ahoj! Euer quittenbrot

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

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4 Gedanken zu „Geldbörse selbst genäht

  1. Pingback: Geldbeutel: neue Varianten | quittenbrot

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