Der Goldstandard beim Bikepacking?

Bei meinen Bikepacking-Touren mit dem MTB ist die Ausrüstung hauptsächlich in einem Rucksack verstaut: nur so kann ich schwierige Trails befahren oder das Rad steile Pfade hinauf tragen.

Bikepack #1 – eigentlich fürs Wandern konzipiert – war wirklich nur ein Sack mit Riemen und wurde bald durch Bikepack #2 abgelöst. Der war länger im Einsatz, zeigte aber bald einige konstruktive Schwächen: Das verwendete Material war nicht wasserabweisend genug und im groben Geläuf saß er nicht fest genug am Körper.

Vorüberlegungen

Seit meiner Sommertour 2016 überlegte ich erneut, wie ein spezieller Mountainbikerucksack beschaffen sein könnte. Er müsste den spezifischen Anforderungen beim Befahren von Trails genügen und sollte nicht nur ein abgewandelter Trekkingrucksack sein.

Ganz oben auf der Liste stand ein fester Sitz am Körper, vor allem bei rumpeligen Bergabpassagen.

Ein zweiter, tiefer angebrachter Brustgurt hatte bei Bikepack #2 den Sitz schon bedeutend verbessert, aber ich wollte das noch konsequenter umsetzen. Für verbesserte Wintertauglichkeit sollte auch das Volumen vergrößert werden, außerdem wollte ich einen Full-Face-Helm anbringen können. Zugegeben, ein skurriles Feature, aber wenn schon, denn schon 😉
Außerdem wollte ich zwei leicht erreichbare Taschen haben, um, ohne den Rucksack absetzen zu müssen, Kamera und dergleichen zur Hand zu haben.

Auch sollte das Material abriebfest sein, ergänzt durch ein zweites, leichtes Material für gering belastete Partien.

Zunächst stellte ich ergonomische Betrachtungen an, um die spezifischen Anforderungen beim Biken herauszuarbeiten. Bislang wurden Rucksäcke so konzipiert, dass die statische Last (Gewichtskraft) entsprechend auf den menschlichen Körperbau übertragen wird. Bikerucksäcke folgen prinzipiell diesem Designprinzip, allenfalls Helmhalter, Taschen für Werkzeug usw. stellen auf den Einsatz beim Biken ab.

Es musste ein neues Design her, eins, dass für die dynamische Belastung beim sportlichen Biken gedacht war. Wie muss die Position von Hüft- und Brustgurt beschaffen sein, dass auch bei Impulsen nach oben/vorme der Rucksack nicht den Helm in die Stirn schiebt und schlimmstenfalls an Steilstufen Überschlaggefühle verursacht?

position-brustgurt

Zuerst muss der Brustgurt unter dem Brustmuskel angeordent werden. So ergibt sich eine Abstützung in Richtung der nach oben wirkenden Kräfte. Es gibt bereits Bike-Rucksäcke mit zwei Brustgurten, Rucksack-Westen für Runner verfolgen ein vergleichbares Prinzip. Nur weggelassen hat den oberen Brustgurt meines Wissens noch keiner.

position-hueftgurt

Damit der Hüftgurt ebenfalls Impulse nach vorn/oben auf den menschlichen Körper übertragen kann, muss dieser höher angeordnet werden. Statt auf die Hüftknochen zu drücken, muss er in der Taille sitzen. Das würde zwangsläufig die Atmung behindern, weshalb der Hüftgurt natürlich schmal zuläuft und nur vor dem Downhill straff angezogen wird.

Damit der Pack besser am Torso sitzt, konstruierte ich eine Art „Flossenstummel”, welche sich unter dem Rippenbogen nach vorn um den Körper anschmiegen sollen und zugleich leicht erreichbare RV-Taschen beherbergen.

Weitere Funktionen aus dem Lastenheft betrafen die Aufnahme der Trinkblase und eine großzüge Latztasche an der Front, in welche der CC-Helm passen sollte. Ein einfacher Rolltopverschluß sollte die ganze Geschichte abrunden und am Rücken sollte eine passende Schnürung Z-Rest-Segmente oder ein passendes Stück Noppenschaumstoff aufnehmen.

Ähnliche Ideen und Konzepte sind mitnichten neu, bis heute gibt es diverse alternative Designkonzepte:

bikepack-vorbilder

Exkurs kommerziele Rucksäcke

Betrachten wir noch einmal die Masse der kommerziellen Rucksäcke: hier wird ein möglichst universales Ausrüstungsteil für einen anonymen Massenmarkt hergestellt. Geschmeidige Stoffe gewährleisten eine technologisch effiziente Fertigung – zuungunsten der Haltbarkeit. Zahllose Features (Eispickelschlaufe! Stockhalter! Smartphonefach!) lassen sich gut vermarkten. Version 2017 jetzt neu mit [hottes Feature einsetzen] klingt nun mal besser als: wir können unseren durchdachten Rucksack eigentlich nicht mehr verbessern, nur noch verändern … Naßwäschefach? Haben wir weggelassen, nimm einen Mülltüte !?!

Speziell das Tragesystem ist auf den ungeübten Nutzer zugeschnitten. Eine mit Aluschienen versteifte feste Rückenplatte verzeiht auch grobe Packfehler, halten den Pack auch halbvoll in Form. Damit der Körper beim Laufen nicht zu dolle gegen den steifen Rucksack arbeiten muss, wird das Tragesystem aufwändig aufgehängt, dick gepolstert und mit zahllosen Lastkontrollriemen versehen. Das ist der Rucksack für Leute, die 3 Tage vor dem alpinen Wanderurlaub neue Bergschuhe kaufen und auf dem Campingplatz den unbenutzten Kocher aus der eingeschweißten Verkaufsverpackung pulen.

Die in der Ultralightszene verbreitete Methode funktioniert nur, wenn man durch Üben und Überlegen seine eigens erprobte, individuelle Methode findet. Im Allgemeinen erhält man einen etwas flexibleren Rucksack, welcher sich aber dann den Bewegungen der verschiedenen funktionalen Körperpartien (Schultergürtel, Rücken, Hüfte) besser anpasst. Ganz klar ist dabei das Gesamtgewicht limitiert, sonst gelangt man unweigerlich in einer Art Parallelevolution mehr oder minder zum bekannten Expeditionsrucksack-Design.

Entwicklung und Prototypen

Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf, führten zahlreiche Skizzen und Schnittmuster zu einem ersten Prototypen aus einem IKEA-Duschvorhang. Die Form stellte sich als untauglich heraus, ein weiterer Prototyp entstand und hatte Schwächen in der Konstruktion der Schulterriemen-Aufnahme an den Flossen. Ebenso erwies sich die Anordnung der Reißverschlüsse in einer Schließnaht als praktisch unnähbar.

Immer wieder wurden Features erwogen und verworfen, Schnittmuster verfeinert und neu spezifiziert. So entstand letztlich unter dem Arbeitsnamen Winterbikepack Version 3 die nun realisierte Ausführung.

Bikepack #3 Version .3.1 entsteht

Nach einem dreiviertel Jahr Überlegung, Prototypen, Skizzen und Berechnungen musste es jetzt ernst werden. Die letzten finalen Änderungen am Schnittmuster wurden durchgeführt und nochmal mit Klebeband zusammengeheftet, um gröbste Schnitzer auszuschließen. Insbesondere der leichte 3-D-Cut am Boden, um das für das angepeilte Volumen erforderliche Umfangsmaß zu erreichen, war so frei Hand nicht einfach zu entwerfen. Es handelte sich nun um Bikepack #3.3.1 … der Nerd läßt grüßen 😎

Als Hauptmaterial verwendete ich ganz klassisch 500den Cordura – immer noch die Referenz in Punkto Abriebfestigkeit. Das leichte Material war ein etwas steifes, kupferfarben beschichtetes RS-Nylon mit einem Flächengewicht von 68 g/m². Weiterhin fanden diverse Schnallen und Bänder in 15, 20 und 25 mm Breite Verwendung.

An dieser Stelle zeige ich Euch die einzelnen Nähschritte in der Diashow (bitte aufs erste Bild klicken):

Genäht wurde mit zwei alten Veritas-Maschinen: einmal mit einer 110er Jeansnadel und dem bewährten 60er Amann Serafil, das andere mal mit einer 80er Standard-Nadel und beigefarbenen „Allesnäher”-Nähgarn vom Discounter.

Das 500er Cordura ließ sich sehr gut verarbeiten und stellte für die alte, stabile Veritas 8014/2 überhaupt kein Problem dar. Das RS-Nylon war etwas rutschig und verlangte eine gut führende Hand. Außerdem dehnte es sich stärker als das Cordura, was bei einigen Nähten leichte Verzerrungen und minimalen Faltenwurf erzeugte.

Beim Nähen habe ich mir richtig Zeit genommen und jedesmal gründlich nachgedacht, was den Frust und die Zahl der Nähfehler deutlich reduzierte. So zog sich das Projekt über einige Wochen hin und hatte Zeit zu reifen, zumal viel Details erst operativ entschieden wurden o_O

Probepacken und erster Einsatz

Da lag er nun endlich fertig vor mir und leuchtete in mattem güldenen Schein 😎

Die Waage zeigt nach dem endültigen Finish 557 g an, mit dickem Noppenschaumstoff als Rückenpolster sind es dann 619 g, zwei Segmente Z-Rest am Rücken ergeben ein Systemgewicht von 617 g.

Rechnerisch ergeben sich, unter Annahme eines idealen Zylinders 42 l, jedoch ohne Berechnung der Flossen und ohne Zusatzvolumen im Frontlatz oder Rolltopverschluß-Reserve. Für mich ordne ich den Rucksack in die 40-l-Klasse ein und das Gewicht kratzt am obersten Limit dessen, was ich für mich als leichten Pack empfinde. So oder so, jetzt soll das Volumen auch gefüllt werden!

Nur, wie sollte ich packen, ohne die „Flossen” dick aufzublähen? Das hatte sich bei den Prototypen bereits als schwierig herausgestellt und entsprechend baute sich in mir eine leicht nervöse Spannung auf.

Alles wie gewohnt hineinzustopfen führte zu einem unförmigen und untragbaren Sack. Letztlich funktionierte nach unzähligen Versuchen nur die Burritomethode, wodurch die Flossen isoliert wurden und sich so wie beabsichtigt leidlich um den Körper schmiegen können. Nur, dann würde mein Setup noch schwerer werden, wenn ich dann noch meine Exped Synmat UL mitnehmen würde. Ein Setup mit der eingerollten gekürzten Evazote in Verbindung mit 4 Segmenten Z-Rest als Rückenpolster wäre denkbar, aber als Seitenschläfer ist die Luftmatratze doch die bessere Option.

Dennoch konzentrierte ich mich zunächst auf die Burritomethode und packte den Rucksack mit echter Ausrüstung und voller Trinkblase, um eine realistische Gewichtsverteilung zu erreichen.

Zuerst musste der Bikepack den Testlauf auf der Hausrunde absolvieren:

Das funktionierte überraschend gut! Der Sitz am Körper erlaubt eine dynamische Fahrweise und auch die Treppen im finalen City-Downhill konnte ich wie gewohnt absolvieren.

Ein erster echter Einsatz in freier Wildbahn erfolgt aus diversen Gründen erstmal zu Fuß, wie ihr im vorigen Blogbeitrag nachlesen könnt. Dazu nähte ich extra einen Inliner, um die Evazote zugunsten der Synmat zu Hause lassen zu können und so die Burritomethode zu simulieren. Das Abmarschgewicht war dann so um die 9 kg und ich musste dann unterwegs auch gleich den Brustgurt weiter oben anbringen, auch wenn bei der Tour weniger die Ergonomie, als vielmehr das allgemeine Handling und vor allem die Robustheit getestet werden sollte.

Fazit war, dass zunächst das Gefummel mit dem Inliner etwas nervte und ein nähtechnischer Fehler an einem Streßpunkt auftrat:

P1090428

Oooops!

Da hatte ich die Nahtzugaben zugunsten besserer Vernähbarkeit zu stark zurückgeschnitten, und Luftnähte halten immer so schlecht … aber jetzt habe ich nun endlich auch kapiert, wie die Profis solche Stellen nähen.

Ansonsten hatte sich der Pack bewährt, der Sitz und Komfort gehen völlig in Ordnung und die Reißverschlußtaschen sind extrem nützlich. Auch den Belastungen beim Kriechen und Kraxeln durch Felsschlüchten und Höhlen war das Cordura-Material gewachsen.

Fazit

Der Pack ist speziell. So wie ich (Hüstel). Das Packen artet in eine regelrechte Geduldsprobe aus; bis man alles fein säuberlich hineingeschichtet hat, dauert das seine Zeit.

Ist diese Hürde überwunden, dann kann man mit diesem Rucksack durch Dick und Dünn gehen, hüpfen, springen, durch Felsspalten kriechen, über Steinfelder brettern und Trails rocken ohne dass der Pack ein Eigenleben entwickelt! Die Konstruktion um den Körper des Bikers herum macht sich hier bezahlt und die Mischung aus aufwändigen Features mit simplen, minimalistischen Lösungen funktioniert.

Für zukünftige Rucksackeinsätze will ich den aus der Akustik bekannte Noppenschaumstoff als Rückenpolster nutzen: auch wenn sich die Z-Rest am Rücken durch ihre Eierbecherstruktur überraschend komfortabel und luftig anfühlt, wird sie in der Praxis doch tüchtig gequetscht und abgerieben. Bei der Tour mit dem Simple Pack #3 hatte sich der Schaumstoff im Rücken rückblickend als derartig rutschhemmend und noch besser belüftet erwiesen, dass ich schweren Herzens auf den „Dual Use“ der Z-Rest-Segmente als Sitzmatte verzichten werde und meine geschnorrten Noppenschaumstoffmatten als Rückenpolster „upcycle“!

Als Konsequenz aus der Fertigung und der Handhabung des Golden Backpack entstand bereits eine Planung für einen einfacher zu nähenden und zu handhabenden Rucksack nach dem Vorbild des Simple Pack #3, welcher jedoch ebenfalls aus dem robusten Cordura gefertigt sein wird und mittels eines modularen Hüftgurtsystems sowohl im Wander- als auch im Bikemodus genutzt werden kann. Er wird auf die äußerst nützlichen, aber viel zu aufwändigen RV-Taschen verzichten müssen, aber eine eigens spezifizierte Schnittstelle zur Aufnahme diverser Täschchen erhalten, was die Anpassungsfähigkeit weiter erhöht. Beibehalten wird die Verschnürung zur Aufnahme diverser Rückenpolster und der Rolltopverschluß sowie ein großzügiger Frontlatz.

Der mittlerweile Golden Backpack getaufte Bikepack #3 als absolutes Unikat und Meilenstein meiner Rucksackfertigung wird aber auch seine Chance und seinen Platz bekommen – ein spezieller Rucksack, für einen speziellen Menschen und spezielle Touren!

Ahoj! Euer quittenbrot

Nachtrag: inzwischen hat sich der Golden Backpack bei einem ersten ernsthaften Einsatz wacker geschlagen!

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3 Gedanken zu „Der Goldstandard beim Bikepacking?

  1. Pingback: Geldbeutel: neue Varianten | quittenbrot

  2. Johannes Kasper

    Saugeil, v.a. ordentloch Hirnschmalz „eingearbeitet“. Schick das mal an Fährmann Rucksäcke, vielleicht gibts ne Miniserie. Ich wäre schonmal sehr interessiert.

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