Winterbiwak: Wieder was gelernt!

Auf dem Erzgebirgskamm in 900 m Höhe, auf einem Meter Schnee, bei -9°C: mein traditionelles Winterbiwak war diesmal am Limit meiner größtenteils selbst gefertigten Ausrüstung. Ich habe geschwitzt, gefroren und eine Menge eindrücklicher Erfahrungen gemacht o_O

Ultralight im strengen Winter – geht das gut?

Die Idee spukte mir schon länger im Kopf herum: Mit meiner Ultralight (UL) – Ausrüstung und LL-Ski auf dem Erzgebirgskamm übernachten, bei möglichst tiefen Temperaturen! Das war ein bewußtes Herantasten an die Grenzen meines Könnens und der Ausrüstung und umso einprägsamer waren auch die Erfahrungen, über welche ich heute schreiben will.

Im Prinzip ging alles gut und es war kein fahrlässiges Eingehen unbeherrschbarer Riskien, das sei vorweg gesagt. Schließlich schlafe ich seit Ende der 80er auch im Winter draußen; weiß also, was mich erwartet.

Mich interessierte jedoch, ob der Ultralight-Ansatz (Tarp statt Zelt, Schlafdecke statt Schlafsack, minimales Kochsetup) auch bei schärferen winterlichen Bedingungen funktioniert. Ende Januar ergab sich ein Wetterfenster mit Sonnenschein und (laut Kachelmann) bis zu -9°C in der Nacht, inklusive leichtem Wind. Die Tour selber war jetzt nicht so spektakulär: Samstags ging es am zeitigen Mittag von Zinnwald zum Loučná · Wieselstein auf größtenteils maschinell gespurten Loipen (ca. 17 km), sonntags führte mich der Rückweg nach Altenberg (ca. 20 km), wo ich bereits mittags wieder im Zug saß. Soweit die groben Eckdaten der Tour. Nun zur Sache.

In der Loipe

Ja, da machte sich der UL-Ansatz natürlich bezahlt: mit gerade mal 8 kg Kampfgewicht (inklusive einem Liter Getränk) konnte ich entspannt das Laufen in der Loipe genießen. Durch das konsequent verfolgte Zwiebelprinzip erfolgte rasch eine Anpassung an sonnige oder schattige Abschnitte. Statt einer dicken Softshelljacke wurde die bewährte Kombo Windjacke + dünner Fleecepulli eingesetzt und erlaubte unbeschwertes Bewegen. Die Primaloftweste mit 60er Füllung diente zum Warmlaufen und kam dann in den Rucksack, bevor die Gefahr des Naßschwitzens akut wurde.

Eine Pause im Sommergarten einer überfüllten Gaststätte wurde dank der übergeworfenen Primaloftjacke warm eingepackt verbracht. Nicht ganz UL war mein ganzer Zoo an Handschuhen, aber da lasse ich nichts anbrennen. Um Naßschwitzen zu verhindern, kommen unterschiedlich dicke Handschuhe mit. Seit 20 Jahren bewährt hat sich auch hier das Zwiebelprinzip.

Über- und Innenhandschuh: der Innenhandschuh lässt sich durch einen dünneren schnell austauschen

Ein dünnerer Unterziehhandschuh reichte tagsüber bei Sonnenschein alleine getragen völlig aus, im Camp kam dann die maximale Ausbaustufe mit Alpaka-Fingerhandschuh als Innenhandschuh zum Einsatz. Als eiserne Reserve diente ein ganz klassischer mittelwarmer Outdoor-Fingerhandschuh mit Membran. In Bezug auf warme Hände verstehe ich gar keinen Spaß!

Fazit: Das UL-Versprechen: „Spaß auf dem Trail“ (bzw. hier der Loipe) wurde voll eingelöst!

Im Camp

Da konnte „General Winter“ seine taktischen Bosheiten voll ausspielen: das erste Mal begab ich mich auf echtes Winter-Terrain, im Sinne des Wortes! Fanden meine bisherigen Winterbiwaks an einigermaßen geschützten Orten statt, oder bei nur leichtem Frost, kam diesmal alles Zusammen: eine kompakte Schneedecke von ca. einem Meter Mächtigkeit, tiefe Temperaturen und stetiger Wind auf dem ungeschützten Plateau rund um den Felsen am Wieselstein!

Die Unterkunft: ein Tarp mit Vordächern

Der Wind war auch der Faktor, den ich unterschätzt hatte. Zum Glück konnte ich einen Rastplatz mit Dach nutzen, so dass mein Tarp schon mal an zwei Abspannpunkten befestigt werden konnte. Um genügend Wohnraum zu haben, kam diesmal mein großes Prototarp mit. Durch den Wind bedingt, gestaltete sich der Aufbau schwierig; Heringe mussten improvisiert werden und anschließend wurde noch Schnee als zusätzlicher Windschutz angehäuft. Aber schlussendlich ist die Behausung einsatzbereit:

Tarp ergänzt durch Schneewall

Hier gab es noch viel Verbesserungspotential! Vor allem die Schnüre erwiesen sich als teils nicht wintergeeignet, Knoten fummeln ist bei Wind und Frost keine angenehme Beschäftigung. Zumal auf dem Erzgebirgskamm erstaunlich schnell alles von einer dicken Rauhreifschicht überzogen wird:

Am Morgen habe ich bei einigen Schnüren auch ganz rambomäßig das Messer gezückt o_O

Kälteschutz

Nun gut, jetzt hatten wir einen Schutzraum geschaffen, wie ging es drinnen weiter? Mein Setup aus gekürzter Isomatte (RidgeRest Solar R) und dem Rucksack unter den Füßen hat sich auch da bewährt – bis auf die Bodenplane aus dickerer Malerfolie! Das erwies sich als sehr rutschig direkt auf dem Schnee. Die Folie hätte ich eigentlich einfach weglassen können, Schnee ist ja kein Dreck! Aber so routinemäßig-vernagelt ist man eben manchmal.

Als grenzwertig erwies sich die aus einem Vaude Sioux 1000 Syn genähte Schlafdecke. Klar, die Komforttemperatur endet laut Hersteller bereits bei 0°C. Dafür habe ich aber eine Primaloftjacke (130er) und eine Primaloftweste (60er PL) an, eine Fleecehose, Schlafsackschuhe mit 60er PL, die Fleecejacke mit Kapuze und zusätzlich eine warme einzelne Kapuze (aus einem Kopfteil eines Sommerschlafsacks gefertigt). Das bringt nicht nur (anpassbar) zusätzliche Isolation, sondern vermindert ganz erheblich den Kälteschock beim morgendlichen Aufstehen. Letztlich hatte das Schlafsackmaterial doch zu wenig Reserven und war insbesondere aufgrund des preiswerten Materials nicht winddicht genug.

Essen und Trinken

Wie wird nun der Magen gefüllt? Hier hat sich mein selbst konstruierter Fire Bucket Kocher wieder einmal hervorragend geschlagen! Gerade im Wind brennt das Teil wie Hölle und bringt das Wasser zwar nicht zum Kochen, aber auf einen ausreichende Hitze für Tee und Instantnudeln. Das Entzünden wurde durch Sturmstreichhölzer wesentlich erleichtert, hier erübrigt sich sogar das Vorwärmen des Spiritus am Körper. Auch ein normales Streichholz kann ausreichen, wenn man es dann im Brenner einlegt:

Spiritusbrenner aus alten Dosen

Da das im Bachlauf aufgesammelte Wasser zusehends zu körnigem Eis gefror, gab es nur eine Lösung: Den noch flüssigen Anteil schnellstens in die Edelstahltrinkflasche füllen und erhitzen! Das ergab dann zusammen mit einer Hülle aus doppelt gelegtem Windschutzscheibenschutz-Material auch eine schöne Wärmflasche für die Füße. Wobei kurz vor dem Aufstehen das Erwärmen sich leider umkehrte 😦

Nach einem Caipi war mir da nicht, aber das Eis hätte ich gehabt

Auch am nächsten Tag wurde die Flasche zur Teebereitung erneut auf den Kocher gestellt:

Teewasser in der Flasche erwärmen

Ein Manko hatte mein Kochsystem: es sank schnell im Schnee ein, das Edelstahl-Bodenblech war extrem rutschig und konnte nicht verwendet werden. Improvisiert wurde eine rutschhemmende Unterlage mit einem kleinen Abwaschlappen und dem Rost für den Hobo-Betrieb.

Interessant auch das Verhalten der Topftasse nach dem Austrinken: Das Abstellen im Schnee hatte eine merkliche Eisschicht am Boden außen zur Folge, die erst bei erneutem Erwärmen auf dem Kocher verschwand:

Topftassenboden. Gefroren.

Anziehen im Winter

Große Mängel an den Sachen zum Anziehen gab es eigentlich nicht, wie bereits im Abschnitt In der Loipe beschrieben. Kleinere Mängel gab es dennoch. Wer um alles in der Welt denkt sich so einen Zipper für die Beintaschen für eine ausgewiesene Winterhose aus? Solche „Designer“ scheinen ihr klimatisiertes Büro bei Frost wohl nicht zu verlassen …

Winterhose … mit unbegreiflichem Sommerzipper!

Leider haben auch meine bewährten Außenhandschuhe ihr Klassenziel definitiv erreicht. Selbst die Reparatur der Löcher hat schon wieder Löcher! Zusehends dematerialisiert sich die Greifzone beim Anziehen auf in irreparable Weise:

Autsch! Aus und vorbei.

Aber es gibt Hoffnung! Das Handschuhmodell wird – leicht modernisiert – immer noch hergestellt und ist nach Aussage eines tschechischen Skifahrers sogar recht preiswert erhältlich. Ich kann nur hoffen, dass auch große Größen verfügbar sind, die bei uns verkauften Handschuhe sind offensichtlich für Büroabenteurer entworfen und meinen Mechanikerhände passen gerade so in die Größe XXL. An zusätzliche Unterziehhandschuhe ist da nicht zu denken.

Manöverkritik und Maßnahmen

Zu Hause wurde anhand der Erfahrungen gleich eine Liste mit Maßnahmen erstellt, welche meine Ausrüstung noch wintersicherer machen soll:

  • isolierende Unterlage für den Kocher
  • Tarp: Abspannung verbessern
  • Schneeheringe bauen
  • kleines Segel nähen, um den Eingang besser zu schützen
  • Gamaschen: Fußriemen anbringen
  • Schlafsack: Winterschlafsack zur Schlafdecke umnähen
  • kleine Schneeschaufel?

Angefangen habe ich beim Tarp. Die Hauptabspannpunkte für die Firstnaht bekamen spezielle Haken (von sog. „Zeisig“ Gummispannern übrig geblieben), damit man nicht mit klammern Fingern herumknodeln muss:

Schnellbefestigung mit Haken

Die improvisierten Abspannungen an den Eckpunkten mittels elastischen Schnüren mit Kugelkopf haben sich bewährt und werden nun geplant eingesetzt. Vor allem bei böigem Wind werden so Belastungsspitzen gemildert:

elastische Zeltschnüre

Hier hat es sich letztlich als schlau erwiesen, dass ich in den Schlaufen kleine D-Ringe eingenäht habe.

Die Gamaschen sind umgenähte Innengamaschen einer Softshell-Skihose, welche ich nunmehr als Fahrradhose bei schlechtem Wetter nutze. Es fehlte aber der Fußriemen, welcher von verschlissenen normalen Gamaschen weitergenutzt wird. Klassisch genietet:

dünne und leichte Gamaschen

Der Schnürsenkelhaken ist übrigens aus einer Speiche gebogen – ein äußerst festes Material, welches Bastlern nicht genug empfohlen werden kann.

Für den Kocher muss ich noch eine Unterlage aus Isoliermaterial und selbstklebendem Aluband ausprobieren, da habe ich Bedenken in Bezug auf die Hitzefestigkeit. Mehr war mit Hausmitteln erstmal nicht zu realisieren.

Aufwändigstes Projekt war das Umarbeiten eines Winter-Daunenschlafsacks mit einem Lebendgewicht von 1700 g. Ich finde immer noch verirrte Daunen in allen Ecken des Zimmers 😮
Auch wenn die Gewichtsersparnis diesmal nur ca. 25% betrug, wird beim nächsten Winterbiwak unter harten winterlichen Bedingungen das Mehrgewicht in Kauf genommen. Gerade beim Nächtigen unterm offenen Tarp muß die Schlafdecke mehr leisten als ein vergleichbares Setup im geschlossenen Zelt. Aber mit 300 g mehr im Rucksack kann man sicher immer noch entspannt den Tag in der Loipe genießen 😉

Nur zum Thema ultraleichte Schneeschaufel ist mir noch nichts so richtig eingefallen. Vielleicht probiere ich bei passendem Wetter zunächst im häuslichen Umfeld ein faltbares Schneidbrett aus, in der Hoffnung, dass der Kunststoff bei Kälte nicht zu sehr versprödet.

Fazit

Warum schläft jemand im Winter draußen? Mitten auf dem Erzgebirgskamm? Unter wenig fehlerverzeihenden Bedingungen, die jeden Schwachpunkt der Ausrüstung gnadenlos offenlegen?
Zum einen ist das Draußensein mit minimaler Ausrüstung immer ein ganz besonderer Genuß, die einfachsten Dinge wie eine warme Tasse Tee gewinnen plötzlich eine völlig andere Bedeutung als in der urbanen Umgebung.
Speziell der Winter ist eine Herausforderung: Hier erwacht der Kämpfer in mir, verloren gelaubte Reflexe werden wieder aktiviert und die sprichwörtliche Tasse Tee hat nochmal eine mehrfach gesteigerte Bedeutung!

Das alles wird durch eine unbeschreibliche Winterlandschaft gekrönt, deren wechselndes Farbspiel man einfach erlebt haben muß:

Sonnenuntergang am Wieselstein

Ahoj sagt Euer quittenbrot!

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